Der Untergang von Ralligen
Eines Abends brach über das Dorf lein Ralligen am Thunersee ein böses Gewitter los. Der Sturm bog die Bäume wie Weidenruten, dass die Stämme ächzten und die Wipfel sausten. Blitz auf Blitz schlug in die Tannen oben auf den Flühen. Und krachend hallte der Donner an Wänden und Gräten. In ganzen Gütschen strömte der Regen, so dass im Handkehrum durch alle Runsen undChrachen volle Bäche herunterschossen. Der Bach schwoll zum mächtigen Strom auf, schäumte und toste und überschwemmte Wege und Stege. Die Menschen flüchteten in ihre Häuser, und das Vieh sprang angstvoll brüllend unter die Schirmdächer oder in die Ställe. Und dunkel war es, man sah die Hand kaum mehr vor Augen.
Da kam das Tal herab ein wandernder Zwerg an seinem Stecken in das Dorf, nass wie eine Katze, die man durch den Bach gezogen, ein altes kleines Mannli, ganz verhudelt und verstrudelt. Es schlotterte vor Frost und Nässe am ganzen Leib. Das Wasser troff in Bächlein von seinem schwarzen Wetterhut und aus seinem langen grauen Bart herab. Gleich beim ersten Haus ging es z Schärmen, schüttelte das Wasser von Hut und Kleidern, klopfte seine Schuhe an der Schwelle ab und pochte dann mit seinem Stecklein bescheidentlich an die Tür. Da sah ein Weib heraus, und als das Männlein bat, sie möchte es einlassen und für die Nacht beherbergen, schnarzte sie bloss: «Für hergelaufen Bettelvolk ist kein Platz bei uns. Lauf zu und schau, wo du unterkommst!» Ohne ein Wort zu sagen, ging das Männlein weiter zum nächsten Haus. Dort ging es ihm nicht besser und ebenso beim dritten und so immer fort. Und so war es schliesslich am Rand des Dorfes angekommen. Dort wohnten zwei arme, fromme Leutlein, Mann und Frau. Zu ihrer Hütte schlich das Zwerglein müd und matt und klopfte dreimal sachte ans Fensterchen. Der alte Hirt tat ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste das Wenige dar, was sein Haus vermochte. Sie reichten ihm trockene Kleider und hiessen ihn die nassen ausziehen, dass sie am Ofen trockneten, derweil er ässe. Die alte Frau trug Brot auf, Milch und Käse. Ein paar Tropfen Milch schlürfte der Wicht und ass Bröselein von Brot und Käse.
« Ich bin’s eben nicht gewohnt », sprach er, « so derbe Kost zu speisen; aber ich dank euch von Herzen, und Gott lohn’s! Nun habe ich geruht und will meinen Fuss weiter setzen.» —
«Ei bewahre!» rief die Frau, «in der Nacht in das Wetter hinaus? Nehmt doch mit einem Bettlein vorlieb!» Aber das Zwerglein schüttelte bloss den Kopf und lächelte. «Droben auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen, darf nicht länger ausbleiben! Morgen sollt ihr mein schon gedenken.» Damit nahm’s Abschied, und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte sie mit Unwetter und Sturm. Feuerstrahlen fuhren aus schwarzen Wolken, es rumpelte und rollte. Und Wasserströme ergossen sich wie Sturzbäche, und plötzlich erscholl hoch oben vom Berg dumpf ein Ruf:
«D Rallifluo ist gspalten!
Schlegel und Weggen syn ghalten!
Ralligen will untergahn,
Flieh, flieh, wer fliehen kan!»
Und einen Klapf tat es, als seien alle Berge vom einen Ende der Welt bis zum andern zusammengefallen. Da riss oben am Joch der Fluh ein gewaltiger Fels los und rollte polternd zum Dorf herunter mitsamt Bäumen, Steinen und Erde. Menschen und Vieh, alles, was Atem hatte im Dorf, wurde begraben. Schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden Alten. Zitternd und bebend traten sie vor ihre Türe hinaus. Da sahen sie mitten im Strom einen grossen Felsklotz nahen. Oben drauf hüpfte lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, und ruderte mit einem mächtigen Fichtenstamm. Und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein schwoll immer grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und zerfloss in den Himmel. Die Alten aber beteten auf gebogenen Knien und dankten Gott, dass sie errettet waren.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch