Das Mittel der Wildleute
Als der schwarze Tod in Bünden alles Volk niedermähte, so dass ganze Talschaften ausstarben, da sahen die Leute, dass kein einziges Wildmännlein oder Wildweiblein dahingerafft wurde. Das geschehe durch geheime Künste, meinten die Bauern; die Wildleutlein hätten gewiss ein Mittel wider die Seuche. Und so beschloss ein Bauer, das Geheimnis auszuspüren. Da war an einem Ort ein grosser Stein, der hatte in der Mitte eine Höhlung wie ein Napf. Auf diesem Stein sass oft ein Wildmannli und sonnte sich. Der Bauer ging hin und füllte die Höhlung mit gutem altem Veltlinerwein und verbarg sich nahebei hinter einer Tanne. Zur gewohnten Stunde kam das Männlein und machte grosse Augen, als die Vertiefung mit funkelndem Nass gefüllt war. Es bückte sich, mit dem Näschen schnuppernd, über den Wein, um den roten Saft am Duft zu prüfen, hob dann wieder den Kopf, schüttelte sich bedenklch, winte mit dem Zeigefinger, tupfte sich an die Stirn und rief:
«Nei, nei, mach, wie d witt, Überkunst mi nit!»
Aber dann beugte es sich wieder nieder und schnupperte abermals. Da blieb ihm ein Tröpflein am Schnauz hängen. Das leckte es mit der Zunge ab. Aber es schmeckte nach mehr, und da sagte es zu sich selbst: «Ei, nur mit eim Finger tunka darfscht scho!» Gesagt, getan. Und es tunkte seinen Finger wohl hundertmal hinein und schleckte ihn wohl hundertmal ab. Da ward es je länger je lustiger, hüpfte von einem Bein aufs andere, schüttelte sich vor Lachen, und allsgemach fing es an, allerlei Zeug durcheinander vor sich hin zu schwatzen, und wusste selber nicht mehr, was es sagte. Da trat der Bauer hinter dem Baum hervor und fragte das Männlein: «Du, säg au, was ischt guat für dSüch?» — « I weiss wol! » sagte das Männlein, «i weiss wol!
Bruchet Eberwurza und Bibernell,
So sterbent die Kranka nit so schnell!
Aber das säg i dir noch lang nit!» Jetzt wusste der Bauer, was er wissen wollte, und die Leute brauchten fleissig die Kräutlein nach des Wildmännleins Spruch, und bald starb niemand mehr in Bünden, denn überall, wo das Mittel angewandt wurde, schwand die grause Sucht wie ein Spinnenweb im Zugluft.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch