Das Schneemehl
Hoch oben an der Jungfrau zwischen Giessen- und Guggi-Gletscher war vor grauen Zeiten ein schmuckes Bergdorf lein inmitten grüner Matten und brauner Äcker. Ein Bergmandli, vom Volk nur der Knopfli geheissen, trieb den hablichen Bauern allmorgen die glöckelnden Geissen aus, und allabend brachte er sie mit prallen Eutern heim. Aber die kargen Bauern gaben ihm am Ende des Sommers allemal nur ein paar Mütt Korn zum Lohn, so gitig waren sie und geizig. Der Schlimmste aber von allen war der Müller, der trieb es so arg, dass er jeden, der ihm Korn zu mahlen brachte, schon beim Wägen betrog. Und so fein machte er’s, dass es keiner inne wurde, und obendrein noch lieferte er nicht den vollen Ertrag an Mehl ab.
So kam denn wieder einmal im Herbst auch der Knopfli mit seinem vollen Kornsack zur Mühle, dem sauer erworbenen Lohn für die Mühe des Jahres. Der Müller tat, wie gewohnt, und weil’s bloss der Knopfli war, gab er ihm einen Sack mit Mehlstaub zurück. Das Mandli sagte weder ja noch ha, ging davon und stieg leicht wie ein Gemsi zum Gipfel der Jungfrau hinauf, die damals bis oben mit melchigen Weiden bedeckt war. Dort kehrte er sich um und rief so laut, dass man’s unten allerorten hörte, wie wenn’s ganz nahe wäre: «Nimmer mahlt der Müller mehr Mehl!» und mit dem schüttete er den Sack voll Mehlstaub über das Tal aus. Und nun fegte Tag und Nacht ein wirbelnder Schneesturm durch die Lüfte und deckte die üppigen Triften und fetten Gebreite fluhhoch für immer zu.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch