Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Spielmandli

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Kategorie: Sage

Im Sagiboden unten am Käsenberg sassen am Abend oft die Küher beisammen, um ein Stündlein zu plaudern oder Karten zu spielen. Ihnen gesellten sich häufig Kohlenbrenner, Harzsammler und Kräutermänner. Zuweilen kam auch ein kleines fremdes Männlein. Sein Antlitz war rissig und schrundig wie Baumrinde und von fahler Farbe. Es blitzte aus aschgrauen, tiefliegenden Äuglein. Auf dem roten Haarschopf hatte es ein grünes Käpplein. Es hatte einen grauen Kittel an und lange, enge Hosen aus erdfarbenem Zeug und kurze Stiefel. Unter dem linken Arm hielt es stets eine Geige. Drum nannte man es: das Spielmannli. Meist sass es ganz ruhig und still in einem Winkel, zusammengekauert wie ein Kater, oder es wärmte sich am Feuer, halb kniend, halb hockend. Die gutmütigen Sennen gaben ihm freundlich zu essen und zu trinken, damit es munter werde. Es dankte dann mit krächzender Stimme in einer misstönenden Sprache, wovon man nur das eine oder andere Wort verstehen konnte. Und am Ende fing es an zu geigen, allerlei alte und neue Tänze und fremdartige Weisen, dass es den Leuten ganz warm ums Herz wurde und in den Gliedern zuckte und ruckte, wie wenn man beim Kiltgang, auf der Kilbe oder bei der Hochzeit mit der Liebsten zum Tanz geht.

Ja, so schön vertreib das Spielmännlein den Sennen die Zeit durch sein seltsames Spiel, dass etwa der eine oder andere darüber säumig wurde und seiner Pflicht vergass. Und darob gab es in den Alpstaffeln zuweilen Streit und blutige Köpfe. Oft geschah es auch, dass das Männlein sich wochenlang nirgends zeigte, und doch hörte man sein Spiel im Sagiboden bald diesseits, bald jenseits des Wildbaches. Dann hüteten die Sennen sich wohl, es anzurufen oder gar durch Spottworte herauszufordern. 

Einmal aber kamen die Brüder Brügger, vom Volk nur die starken Marcher genannt, johlend und gröhlend auf dem Heimweg aus dem Wirtshaus von Plaffejen über den Sagiboden. Da lüpfte ihnen der Weingeist die Kappe, und sie riefen: «He, Ungetüm, wo versteckst du dich heut wieder? Bist du bei deinem Toggeli zur Kilt gewesen? Oder herzest du dein Fantumli auf dem Heu? Gelt, du Milchsuppenjäger, du darfst heute Nacht nicht heraus aus deinem Nest!» - Plötzlich packte den riesenstarken Benz etwas bei den Schultern und klemmte ihm den Hals so eng zusammen, dass ihm der Schnauf nur so pfiff und die Augen aus dem Kopf quollen. Und eh er noch Ach und Hach sagen konnte, warf es ihn mit solcher Wucht auf den Boden, dass ihm Hören und Sehen verging. Stöhnend wälzte er sich im Kot. Und wenn er aufstehen wollte, so legte es ihn wieder um, so lang er war. Als sein Bruder Josi, ein Mann, gross und stark wie ein Eichbaum, ihm zu Hilfe sprang, da sass das Spielmannli schon hoch oben auf einem Tannenast und lachte gellend: «Trätscht nur heim und wetzt den Sabel!» Und dann spielte er ihnen, im Wipfel sich wiegend, allerlei auf. Die beiden Marcher wurden wild wie wütige Stiere. Sie nahmen Steine, Scheiter und Zaunstecken und bengelten aus Leibeskräften nach dem Wicht oben im Baume. Der aber lachte bloss, und ein Hagelwetter von Tannzapfen ging auf die beiden Raufbolde nieder. Und plötzlich zwirbelte und wirbelte ein ungestümer Wind die beiden Männer wie dürres Laub im Kreise, bis sie besinnungslos ins Gras fielen. Da lagen sie am andern Morgen, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, noch in starrem Schlaf, und man hatte alle Mühe, sie wieder aufzuwecken. Seit der Zeit aber seien die beiden Marcher gestört gewesen.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch