Das Nixlein
Im Toggenburg fliesst bei Brunnadern im Neckertal ein Brünnlein. Das heisst der Giessen und kommt aus einem Wald geflossen. Ein sicherer Steg führt darüber. Vor Zeiten wohnte in dem Bache ein Nixlein. Das hielt jeden Wanderer an, der über den Steg ging, nahm ihm seine Kappe und machte sich damit davon. Kehrte aber der Wanderer auf demselben Wege zurück, so fand er seine Kappe rein und fein gewaschen am Stege wieder. Ein junger Knabe ging einst oftmals diesen Weg, wenn er abends zu seiner Liebsten zu Licht ging. Allemal gab er gern seine Kappe der Nixe, und stets empfing er sie schön und sauber wieder zurück. Stak zuweilen ein hübsches Sträusslein für das Mädchen daran, so gab ihm die Nixe die Blumen gleich wieder; nur die Kappe nahm sie ihm ab. Eines Abends kam er auch wieder über den Steg, schöne Rosen auf der Kappe. Aber das Wasserweiblein nahm ihm diesmal Rosen und Kappe. Das deuchte den Burschen seltsam, und voller Angst wanderte er weiter. Und siehe, als er ins Haus des Mädchens trat, da stand sie nicht auf der Schwelle wie sonst, sondern sie liess ihm sagen, er möge sich fortmachen; ihr Herz gehöre einem andern. Da kehrte der Knabe zum Steg zurück, nahm seine Kappe, drückte sie sich tief ins Gesicht und wanderte weit fort in die Fremde.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch