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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die grauen Zwerge im Burgerwald

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Kategorie: Sage

Im Burgerwald ob Muschels hausten einst Bergmännchen, die das Volk nur die grauen Zwerge nannte. Nicht weit davon in der Gomma, am Saum eines grossen Waldes, wohnte der alte Hans Äby mit seiner Frau Apollonia in einer einsamen Hütte. An einem düstern Winterabend ertönte draussen plötzlich eine helle Stimme: «Hans Äby, sag dem Apele, d Apela sei tot.» So hiess der Frauen Mutter in Gauglera drüben zu Rechthalten. Und zugleich mit den Worten vernahm Äby ein leises Geräusch, als wenn jemand durch die Stube schwebte, und ganz nahe ein sachtes Weinen und Schluchzen. Der Spuk schuf dem Alten Unruhe, und erst spät schlief er ein. Um Mitternacht weckte ihn wieder dieselbe helle Stimme, wie ein Silberflötlein tönend, aus dem tiefsten Schlaf mit den Worten: «Hans Aby, sag dem Apele, dApela sei tot.» Aby sprang rasch aus dem Bett und ging ans Fenster. Da sah er im Lichte des Mondes draussen auf der Matte eine Menge Zwerge durch den Schnee stapfen. Einige hatten kurze, schwarze Mäntelchen an und hielten brennende Fackeln in Händen. Die Weiblein waren alle in schwarzen Gewändlein, die Gesichter bis auf die Augen und die Nase in weissen Tüchern vermummt, nach Art der deutschen Bauernfrauen. Die Männlein schleppten mühsam einen schwarzen Sarg, der ihnen viel zu schwer war; und sie wimmerten und weisten, und verschwanden mit klagenden Lauten im Walde.

Am Morgen kam der Leichenbote vom Schwäher Jost in der Gauglera und brachte den Bericht, dApela sei letzte Nacht plötzlich am Schlagfluss gestorben und anderntags werde sie zu Rechthalten begraben.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch