Der Zwerg Zacheo
Bis weit herauf in unsere Zeit waren die Leute von Vissoie im Wallis Heiden geblieben. Die Glaubensboten, die in ihr Tal kamen, wurden allemal mit Schimpf und Spott verjagt. Nun wohnte in dieser Gemeinde auch ein Gotwergi mit Namen Zacheo. Der verstand die Sprache jener Bergleute und galt viel bei ihnen, denn kaum einer war im Dorfe, dem er nicht schon mit klugen Räten geholfen hatte. Als nun eines Tages wieder einmal fremde Glaubensboten kamen, da hörte er lange den Worten zu, die sie sagten; dann sprach er: «Gebt mir euer grosses Buch, ich will selber zu den Leuten sprechen.» Und bald las er jedem, der hören wollte, aus dem Buche vor. Immer mehr Leute lauschten der neuen Lehre, nur einige Männer blieben verstockt und ergrimmten. Eines Tages packten sie Zacheo und schleppten ihn nach dem Mumming-Gletscher. Da banden sie ihm die Hände auf den Rücken, hängten ihm das schwere Buch um den Hals und warfen ihn in einen Eisschrund.
Als die Männer drunten auf dem Lallei-Boden über den Steg gingen und nach dem Gletscher schauten, siehe, da trat der Zwerg wohlbehalten aus dem Gletschertor hervor und kam auf sie zugeschritten. Erschrocken ob diesem Wunder warfen sich die Männer am Ufer auf die Knie, bis er bei ihnen stand, und dann trugen sie ihn zur Ehre Gottes ins Dorf zurück. Zacheo wurde der erste Priester der Talschaft.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch