Der Schwertfegerf
In einem Dorfe am Rhein lebte einmal ein Waffenschmied. Der war ein Meister seines Handwerks, und seine Schwertschneiden und Degenklingen waren die besten weit und breit im Lande. Und so hatte er denn auch meist schier mehr Arbeit, als er mit seinen Gesellen hinter sich bringen konnte. Nun aber begab es sich, dass Klingen, die abends unfertig zur Seite gelegt worden waren, am andern Morgen aufs feinste und reinste vollendet dalagen, wie früh er auch die Werkstatt betrat. Anfangs meinte der Meister, es sei wohl einer der Gesellen, der insgeheim am Werke sei; denn wie er selber gar freundlich und freigebig war, wenn recht geschafft wurde, so arbeitete ihm auch mancher Bursche ungeheissen über die Zeit. Aber bald merkte er, dass es doch anderwer sein müsse, und so lauschte und lauerte er des Nachts hinter dem Kammerfenster, das in die Werkstatt ging, dem unbekannten Schmiede auf. Um Mitternacht erhellte sich auf einen Schlag die ganze Schmiede. Der Blasbalg pfiff und fauchte, die Esse loderte und zischte. Im Fussboden hob sich ein Laden empor, wie ein Mäuslein guckte ein Spitzgrind herauf, nieste, fuhr in die Höhe, und ein drei Fuss hohes Männlein stand da. Es tänzelte ein Weilchen in der Werkstatt herum, dann aber machte es sich hurtig an die Arbeit, und bald hämmerte es mit solcher Gewalt am Amboss, dass die Funken in alle Winkel fuhren, und ehe der Meister recht hingeschaut, da war schon ein blankes Schwert geschmiedet. Nun kam das andere, das dritte, eine ganze Bürde Klingen wurde im Nu fertig. Dann legte das Männlein alles Werkzeug ordentlich wieder zurecht und verschwand im Boden, wie es gekommen. Der Blasbalg stand still, Feuer und Funken erloschen, alles war finster wie zuvor. Alsbald ging der Meister mit einem Licht in der Hand hinüber, denn er meinte, er habe alles bloss geträumt. Aber wie staunte er, als er wirklich die Klingen glatt und glänzend auf der Werkbank liegen sah.
Darob war nun der Meister so erfreut in seinem Herzen, dass er nachsann, wie er dem Männlein seine guten Dienste lohnen könne, denn jetzt erst roch’s ihm auf, warum seine Schwerter allenthalben so begehrt waren, dass seine wenigen Sparbatzen zu einem Haufen blanker Taler geworden waren. Und er liess den Meister Schneider kommen und hiess ihn eine niedliche Schmiedekluft aufs feinste und zierlichste machen, ganz aus schwarzem Sammet, und die Schnürung überall aus Gold. Als das Gewändlein fertig war, legte es der Schmied nach Feierabend sorgsam auf die Werkbank, und an die Wand hängte er ein Spieglein. Dann verbarg er sich wieder hinter dem Kammerfenster und harrte des Männleins. Zur gewohnten Stunde erhellte sich abermals die Werkstatt, und das Männlein trat ein, um sich frisch an die Arbeit zu machen. Da gewahrte es das Sammetkleidlein mit den Goldschnüren, nahm’s in die Hand, drehte und wendete es eine Weile zwischen den Fingern und schloff endlich hinein. Dann trat es vor das Spieglein, beschaute sich hin und her und lächelte vergnügt. Plötzlich lüpfte es fröhlich die Füsslein, hüpfte und müpfte und sprang und sang:
«Ig nimme Schwertli säge ma
Ig schöns Chleidli ha
Ig jetz tanze ga.»
Dann tänzelte es um den Amboss herum, stiess mit dem Fuss die unfertigen Klingen zur Seite, dass es klang und klirrte, und verschwand. Es ist nie mehr wieder gekommen.
Den Meister Schmied aber hat seine Freigebigkeit nicht gereut; denn nach wie vor gerieten ihm seine Schwerter also wohl, dass seine Werkstatt die beste im Lande blieb.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch