Der Zwergenwein
Eines Abends holte ein Mann im Wirtshaus Wein für seine kranke Frau. Auf dem Heimwege traf er auf Nachtleutlein. Die fragten ihn, was er da habe. «Wein für meine Frau», sagte er. «Gib uns auch davon,» baten die Zwerge. «Es wird nicht langen für euch alle», sagte der Mann. «Gib nur her», sagten die Zwerge, «für deine Frau bleibt noch bis genug vor.» Da reichte ihnen der Mann die Flasche. Die Zwerglein gaben sie im Kreise herum, und jedes trank daraus einen guten Schluck. Und immer mehr Zwerge kamen herbei, um mitzuhalten. Dem Manne ward Angst, dass die Flasche bis zum letzten Tropfen geleert sei, wenn er sie wieder bekomme. Aber als alle daraus getrunken hatten und ihm die Flasche zurückgaben, da war sie noch bis oben voll. «Sag niemandem, dass wir daraus getrunken haben, auch deiner Frau nicht», riefen sie noch und waren im Dunkel verschwunden, eh der Mann sich’s versah. Genug, er brachte den Wein seiner Frau heim, und manche Woche trank sie davon und ward täglich stärker und gesünder, und die Flasche war und blieb immer voll.
Aber zuletzt am Ende gefiel die Flasche der Frau nicht mehr recht. Es deuchte sie, das gehe denn doch nicht mit rechten Dingen zu, und es ward ihr angst und bang. Da drang sie in den Mann, dass er ihr sage, welch Hexenwerk dahinterstecke. «Trink nur», sagte der Mann, « die Flasche wird schon leer werden, sieh nur, wie gross sie ist.» Aber die Frau traute dem Ding nicht länger und wollte keinen Tropfen mehr von dem Zauberwein trinken und fragte und forschte weiter. Zuletzt verleidete es dem Manne, und er entdeckte ihr das Geheimnis, und - oh weh! da war die Flasche auf einmal leer, und je öfter der Mann nachher ins Wirtshaus ging, die Flasche wieder füllen zu lassen, desto schneller war sie wieder geleert.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch