Das Zwergeneis
Es ist schon bald hundert Jahre her, da ging ein Mann zur Zeit des Heuet in den Wald, Holz zu holen. Er ging dem Bach nach dem Zwergentobel zu. Da sah er am Felsen grosse blanke Eiszapfen in der Sonne schimmern, so hell und klar, wie sie nur mitten im Winter daheim von seinem Strohdach herabhingen. Er stand still und staunte die prächtigen Eiszapfen lange an und wunderte sich nicht wenig. Er brach ein Stück ab, und da es ihm wunderbarerweise in der Hand nicht schmolz, steckte er’s in den Hosensack und nahm’s der Seltenheit wegen mit heim. Aber als er in den Sack langte, um es seinen Leuten, die eben vom Felde nach Hause kamen, zu zeigen, da legte er statt des Eiszapfens einen lautern Silberzapfen auf den Tisch, und niemand wollte glauben, was er erzählte. Und ihm selber war’s auch, als sei alles wie im Traum.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch