Die betrogenen Heuer
Den Leuten auf Iwi halfen die Bergmandli im Sommer heuen und im Winter das Vieh im Stall besorgen. Lohn wollten sie keinen, nur das Essen hatten sie wie die andern Leute vom Hof. Besonders lecker schmeckten ihnen Nusskerne und dürre Obstschnitze; aber über alles liebten sie frische Kirschen.
Einst traf es sich, dass die Matten gemäht waren, und das Heu sollte eingebracht werden. Aber es war so viel, dass die Kräfte nicht ausreichten. Da sandte der Meister ins Tal, damit noch einige Mädchen zu Hilfe kämen. Die kramten den Mähdern einen Korb voll saftiger Kirschen. Wie die Mädchen nun aber die Bergmandli sahen, wollten sie ihren Kratten nicht leeren, denn sie meinten, dann wären der Mäuler zu viel, und es bliebe zu wenig für ihre Schätze.
Also wurde wacker geschafft, glanzvoll schien die Sonne noch oben am Grat. Da rief auf einmal das älteste Bergmandli seinen Gespanen zu:
«Äs thiot afah spätä
d Sunn ist a dä Grätä!»
Da riefen die andern im Chor zurück:
«So miänd mier dänk gah, se derfid dMäitli dChriäsi fürä Iah!»
warfen Rechen und Gabel weg und sprangen wie die Gemsen bergwärts ihrer Höhle zu. Aber ehe noch das Heu unter Dach war, bewölkte sich der Himmel, und bald goss der Regen in Strömen. Was draussen lag, verdarb. Von dem Tage an sind die Bergmandli nie mehr zum Heuen gekommen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch