Die Sage von den heiligen Wassern
Das ist so lange her, dass es nicht in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab es neben uns rechten Leuten im Glottertal noch Wildmännlein und Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Die süssen Zirbelnüsse aus den grossen Arvenwäldern waren ihre liebsten Leckerbissen. Darum redeten sie mit den fünf Dörfern und sagten: «Wir wollen euch genug Wasser auf eure trockenen Felder leiten und euch alle reich machen, wenn ihr uns Wildleuten den Wald an der Talhalde schenkt, wo die Zirbeln wachsen.» Müde von der Not, traten die Leute dem Handel bei. Aber sie wunderten sich, wie die Wildleute Wasser in die Felder und Weinberge hinaufführen oder tragen werden, und viele Leute gingen hinauf um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber zu arbeiten an, sie hieben die Bäume um und höhlten die dicken Stämme aus, so dass breite und tiefe Kännel entstanden. Den ersten legten sie an das Gletschertor aus dem die Glotter ins Tal läuft, und dann viele Hunderte daran, je den Anfang des einen und das Ende des vorigen immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften sie, ob das Wasser hindurchfliesse, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und klatschen in die Hände. Da ihnen der Boden des Tales zu rasch abwärts ging, zogen sie die Kännel den Berg entlang, so dass sie viel höher als de Talboden zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Talleute wunderten sich, dass die Wildleute sich so viel Mähe gaben; sie wussten nicht, was werden sollte.
Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet hätte, fällten sie ihn. Sie zogen die Leitung der Sonnenseite des Tales entlang und hoch über den Wald. Viele Kirchtürme hoch über den trockenen Dörfern kam das Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz warm.
«Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem Wasser anfangen?» murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um die fertige Leitung und mahnten:
«Trüebi Wasser,güldige Wyn!
Grabend Gräben, lassends yn!»
Die Leute folgten dem Rate, sie gruben Furchen zu den verdorrten Weinstöcken, und siehe, die Reben grünten und trieben Schosse! Wo ein Tröpflein hinkam, sprosste das Gras; die Bäume schlugen aus. Das ganze Land wurde schön wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit. Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten Kindern; die Greise weinten vor Freude und streckten die Hände ins Wasser, dass sie merkten, wie es rieselte. Da rief einer: «O du heiliges Wasser!" und alle antworteten: «Ja, du heiliges Wasser!» Seither hat man die Leitung nie anders genannt.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch