Das hilfreiche Moosweibchen
Auf dem Born weidete von alters her den ganzen Sommer über eine Herde Ziegen. Die sammelte der Hirt von Kappel alle Morgen im Dorf, abends trieb er sie wieder ein. An schwülen Sommertagen geschah es oftmals, dass der Westwind en böses Gewitter herantrieb. Ganze Sturzbäche Regens ergossen sich über Berg und Tal. Ins dichteste Gebüsch verkrochen sich viele Geissen, andere määggten und bääggten, wenn’s blitzte und donnerte, dass sich ein Stein hätte erbarmen mögen. Andere sanken im aufgeweichten Boden ein oder rissen sich die strotzenden Euter an spitzen Steinen und Dornengestrüpp blutig. Viele verliefen sich über Nacht weiter hinein in die Berge. Stundenlang musste alsdann der Hirte die verlaufenen Tiere suchen.
So kam der Bub einmal tropfnass, als es schon zunachtete, ins Dorf. «Hab ein Unglück gehabt, hab vier Geissen verloren. Ist mir leid
Eins — zwee — drei —
Dyni Geisse sy nit hei.
«Eben darum bin ich ja hier, weisst nicht, wo sie sind?»
Da pfiff’s nochmals:
Eins — drei — zwee —
Dyni Geisse han i gseh.
Und wie ein Wetterleuchten war’s verschwunden. Aber in den Stauden und im Holz sauste und brauste es, wie wenn der wildeste Wirbelwind einen Haufen Kieselsteine auseinanderschüttelt. Vor Staunen hätt’ ich fast meine Geissen vergessen, aber mit eins standen sie da, alle vier, wie hergeblasen. Dann aber liefen wir mitsammen heim, was gisch, was hesch, über Studen und Stock. — Ein Horn sollte jeder Hirt haben, womit er Wind machen könnte wie das Moosweiblein mit seinem Rock!»
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch