De Schlangenreiter
Die Töchter vom Hornbacherhof waren eines Tages damit beschäftigt, ihre Wäsche auf dem Trockenplatz unten am Bach aufzuhängen. Da kam auf einmal aus dem Uferholz ein Männlein hervor in einemgrasgrünen Kleidlein, und um den Leib hatte es eine winzig kleine Rosshalfter gebunden. «So, so, wie geht’s, wie steht’s, ihr Meitschi?» sprach der Wicht freundlich und lüftete den Hut, «nehmt euer Zeug beizeiten noch ab, ehe es davonschwimmt.» Damit verschwand er wieder in den Stauden. Soweit man sah, war strahlende Sonnenheitere, und so mussten die Mädchen laut auflachen. Aber nach einer Weile ward der Himmel nachtschwarz, und schon fielen die ersten Tropfen, und die Mädchen brachten ihren Korb grad noch ins Trockene, als in Striemen und Strömen ein Wolkenbruch sich ergoss, wie schon lange keiner mehr niedergegangen war. Im Nu schwoll der Bach an und trat über die Ufer. Die Leute eilten, um dem Wasser zu wehren. Da kam auf der ersten Flutwelle eine baumlange Schlange geschnellt, und darauf sass rittlings das grüne Männlein, das vorhin mit den Mädchen gesprochen hatte. Das Hälfterchen hatte er der Schlange angelegt, und so ritt er, wie ein Reiter auf seinem Ross, auf dem Wasser fort. Am Trockenplatz nahm das Ungetüm einen Sprung über die Matte hinweg und glitt jenseits wieder ins Wasser, und schwamm weiter talab.
Der Hornbach wütete, es ist nicht zum Sagen. Auf der Alp Hinterried wurden mehrere Kühe fortgerissen und ertranken. Eine oder zwei wurden stundenweit fortgetragen und grad dem Bauer, dem sie gehörten, auf die Matte geworfen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch