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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Gemsjäger und der Zwerg

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Ein Gemsjäger stieg zu Berg und kam zu dem Felsgrat und klomm immer weiter, weiter, als er je vorher gelangt war. Da stand plötzlich ein hässlicher Zwerg vor ihm. Der sprach zornig: «Warum erlegst du mir lange schon meine Gemsen und lässest mir nicht meine Herde? Jetzt sollst du es mir mit deinem Blute büssen!» Der Jäger wurde weiss wie der Firn, und bald wäre er über die Wand abgestürzt. Doch er fasste sich noch und bat den Zwerg um Verzeihung: «Ich habe nicht gewusst, dass diese Gemsen dir gehören.» Der Zwerg sprach: «Nun wohl, aber lass dich hier nicht wieder blicken. Hier nimm diesen Käse, iss davon, soviel du magst, nur lass allemal ein Restlein vor, so wirst du daran dein Leben lang genug zu zehren haben. Hüte dich und halte dich fortan fort von meiner Herde.»

Der Zwerg verschwand, und der Jäger stieg nachdenklich zu Tal. Und mit dem Käslein war alles so, wie’s der Zwerg gesagt hatte. Er mochte davon essen, so viel er wollte, immer war es wieder ganz, er wusste nicht wie, bis einmal ein Gast, der nichts von dem Geheimnis wusste, es unversehens aufass. Da trieb den armen Mann bald wieder die Not zu jagen, möge geschehen, was da werde. Er stieg zu Berg, und nicht lange, so erblickte er einen prächtigen Leitbock. Er legte an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er eben losdrücken. Da war der Zwerg hinterher geschlichen und riss den Jäger am Knöchel des Fusses nieder, dass er über die Fluh hinunterstürzte und zu Tode fiel.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch