Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Zwerge und der Geissbub

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Oben auf der Nestalp hausten Zwerge. Die fingen oftmals Kinder, schleppten sie zu Berg, um sie zu mästen und dann zu schlachten.

Einmal nahmen sie einen Geissbuben zu sich und fütterten ihn gut, damit er ja recht feisse. Dem Buben, der sonst nur trocken Brot zu kauen hatte, gefiel es anfangs ganz gut bei dem Zwergenvolk, und er begehrte gar nicht nach Hause. Als er schon ordentlich rund und fett geworden war, weckte ihn eines Morgens ein altes Zwergenmutterli, wusch ihn sorgfältig und kämmte ihn schön. Als der Bub fragte, warum sie das tue, antwortete sie, heute sei Metzgete, er sei jetzt feiss genug. Dem Buben stand der Schopf zaungrad auf vor Schrecken, und er rannte - was gisch, was hesch - davon. Das Weiblein liess einen gellen Pfiff — da kamen alle Zwerge herbeigelaufen, und als sie vernahmen, dass der Bub entsprungen sei, liefen sie ihm nach. Bei den «Wüesten Matten» waren sie ihm schon dicht auf den Fersen. Die ganze Wiese war voller Heuhaufen. In seiner Angst verkroch sich der Bube in dem letzten Schochen. Die Zwerge durchstöberten den ersten Haufen, und wie sie ihn darin nicht fanden, sprachen sie: «Ist er nicht im ersten so ist er auch nicht im letzten», und gingen davon.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch