Die drei Raben
Es war einmal ein Mägdlein, das war lieblich wie ein Blümlein auf der Matte und munter wie ein Vögelein, aber solange es denken mochte, hatte es seinen Vater immer nur traurig gesehen. Das drückte ihm schier sein Herzlein ab und eines Tages sprach es zu ihm: «Sag, Vater, warum bist du auch immer so traurig?» «Ach, mein liebes Kind», antwortete dieser, «das ist eine traurige Geschicht», und er erzählte ihm, dass es drei Brüder gehabt. Die habe er, als es geboren worden, zum Brunnen geschickt nach Wasser, damit er es taufen könne, denn es sei gar klein und schwächlich gewesen, und er habe gefürchtet, es sterbe ungetauft. Den Buben aber sei der Krug auf dem Weg zerbrochen, und da hätten sie sich nicht heimgetraut. Und wie sie nicht hätten kommen wollen, da habe er sie in bösem Zorne in Raben verwünscht. Und der Fluch habe auf der Stelle sich erfüllt und könne nicht zurückgerufen werden.
Von dem Tage an fand das Mägdlein daheim keine Ruhe mehr, denn es meinte, es sei schuld an dem Unglück seiner Brüder. «Ich will alles tun, um sie zu erlösen, und sollte ich mein Leben darüber verlieren», sprach es zu sich selber. Und eines Tages, als die Eltern beide ausgegangen waren, machte es sich heimlich auf den Weg, um seine Brüder zu suchen. Es ging den ganzen langen Tag ohne Unterlass. Gen Abend kam es in einen Wald. Auf einer Lichtung unter einem grossmächtigen Eichbaum erblickte es eine Laubhütte. Im selben trat eine wunderholde Frau hervor, die winkte das Mägdlein zu sich und sprach: «Komm gutes Kind, und fürchte dich nicht. Ich weiss schon, warum du hierher gekommen bist. Ich will dir helfen deine Brüder zu finden. Aber jetzt hast du deine Füsslein müde gelaufen, bleib du bei mir über Nacht.» Die Frau aber war eine gute Fee, die dem Mägdlein schon lange gewogen war. Des anderen Morgens früh, als alle Vöglein zwitscherten, führte die Fee das Kind an den Rand des Waldes und sprach:
«Gradus über's Feld, und z'mitts im Feld,
Do stöhnd die drei schönste Linde-n-uf der Welt»,
und dann hiess sie es getrost weiter gehen. Als es nun wohl den halben Tag so zu gegangen war, und die Sonne am höchsten stand, da kam es auf ein weites Feld. Und mitten auf dem Felde, da standen drei uralte Lindenbäume und auf jeglichem sass ein kohlschwarzer Rabe. Wie das Mägdlein näherkam, flogen die Raben von den Linden herab, setzten sich ihm auf Schultern und Hand und huben also zu sprechen an: «Ei, sieh da unser herzliebes Schwesterlein ist gekommen, uns zu erlösen!» «Ach Gott», sagte das Mägdlein, «welch ein Glück, dass ich euch gefunden habe. Aber sagt mir doch nur, was soll ich tun, damit ihr erlöst werdet?» «Ja, wahrlich, das ist ein schweres Stück», antworteten die Raben, «drei Jahre lang darfst du kein Menschenwort reden, sondern musst stumm bleiben wie ein Stein, was immer geschehen mag. Und versiehst du dich nur ein einziges Mal, dann müssen wir als Raben fliegen unser Leben lang.» So sprachen die Raben und flogen eilig fort. «Oh, für euch will ich gerne alles leiden was Not tut!» rief ihnen das Mägdlein nach und machte sich alsbald auf den Heimweg.
Aber wie es wieder in jenen Wald kam, wo die gute Fee wohnte, da stand an der Stelle der Laubhütte, wo es über Nacht gewesen war, ein prächtiges Schloss, und ehe es vor Staunen wieder zu Sinn gekommen, sprengte ein lauter Zug von lustigen Jägern aus dem Tor hervor, und einer blies das Hifthorn, dass es im ganzen Walde hallte und schallte. Voraus aber ritt auf einem milchweissen Ross der junge Graf, dem das Schloss und der Wald und alles Land im Rund gehörte. Wie der das liebliche Kind erblickte, das da ganz allein durch den dunklen Forst daherkam, da hielt er sein Ross an und fragte freundlich: «Woher des Landes, schönes Kind, und was willst du hier?» Aber das Mägdlein gab keine Antwort, sondern blieb stumm und verneigte sich bloss mit Anmut. Der Graf betrachtete die holdselige Gestalt und konnte die Augen nicht mehr abwenden von ihr, so lieb hatte er sie beim ersten Blick gewonnen. «Nun, wenn Gott dir die Rede versagt hat», sprach er, «so hat er dich mit Schönheit gesegnet und dir edle Zucht und Sitte mitgegeben. Wenn du mir auf mein Schloss folgen willst, so soll es dich nicht gereuen.» Das Mägdlein nickte stumm mit dem Haupte, da setzte der Graf es vor sich auf sein Ross und brachte es alsbald ins Schloss zu seiner Mutter. Und wieder verneigte die Jungfrau sich mit Anmut, aber kein Wort kam aus ihrem Munde. «Wo hast du diese Dirne aufgelesen?» fragte die alte Gräfin hässig, «es scheint, sie hat eine schwere Zunge. Und was soll sie hier im Schloss?» «Meine Gemahlin soll sie werden», erwiderte der Graf. «Schau sie nur an, ist sie nicht holdselig und gut. Und mag ihr auch die Sprache versagt sein, so ist sonst weder Fehl noch Makel an ihr zu finden.» Auf diese Rede ihres Sohnes schwieg die alte Gräfin und sagte nichts mehr, aber heimlich behielt sie einen argen Groll in ihrem Herzen. Am andern Tag schon feierte der Graf in lauter Freuden sein Hochzeitsfest. Seine Mutter aber sass derweilen mürrisch in ihren Gemächern und sann darüber nach, wie sie die unerwünschte Sohnsfrau loswerden möchte.
Kaum waren die Festtage verflogen, da kam ein Gewaltsbote vom Kaiser, der bot alle Mannen im ganzen Reich zu einer Heerfahrt auf. Und da musste auch der Graf ohne Verzug sich rüsten und Abschied nehmen von seinem jungen Weibe. Nun hatte er unter seinem Gesinde einen Diener, den hielt er für den getreuesten von allen. Dem gab er seine Gemahlin in Obhut und empfahl sie seiner Sorge. Der Diener versprach, seine Herrin zu hüten wie seinen Augenstern.
Aber kaum war der Graf aus dem Hause, so hub die alte Gräfin alsbald an, ihren Hass an der jungen Frau auszulassen. Sie bestach den Diener und machte sich ihn willfährig. Sie nahmen der jungen Gräfin alle die schönen Kleider weg, die ihr der Graf geschenkt, liessen ihr bloss ein altes Hudelschluttli und stiessen sie aus dem Schloss und hiessen sie wie eine Magd in Stall und Hof alle harte Arbeit tun. Und als die arme Gräfin übers Jahr ein wunderliebliches Knäblein zur Welt brachte, da nahm es ihr die böse Alte fort und übergab es dem falschen Diener, dass er es in den Wald trüge, damit die wilden Tiere es auffrässen.
Bald danach aber kam der Graf nach Hause. um nach den Seinen zu schauen. Da sagte die Alte: «Dein stummes Weib ist ein Zauberweib. Sie hat dir ein totes Kind geboren. Das ist die Strafe des Himmels, dass du auf meine Warnung nicht hast hören wollen.» Und der Diener, der dabeistand, sagte: «Ja, gnädiger Herr, draussen im Walde liegt's, da hab ich's begraben.» Der Graf aber mochte von seiner Frau nichts Böses glauben und nahm sie wieder zu sich. Bald ritt er wieder in den Krieg.
Wieder verging ein Jahr, und der Graf kam abermals heim, um nach den Seinen zu schauen. Unterweilen aber hatte seine Gemahlin abermals einem Knäblein das Leben gegeben. Das hatte der Diener wieder in den Wald hinaus tragen müssen auf der Alten Geheiss. Und die Alte sagte als der Graf heimkehrte: «Dein stummes Weib ist des Teufels Buhle. Sie hat kein Kind geboren, sondern ein haariges Tier.» Und der Diener stand dabei und sagte: «Ja, gnädiger Herr, ein schwarzes Hündlein ist's gewesen, draussen im Walde hab' ich's verscharrt.» Aber auch diesmal wollte der Graf den bösen Reden keinen Glauben schenken und nahm seine Gemahlin wieder zu sich, bis er wieder verreisen musste.
Und wieder verstrich ein Jahr, da aber war der Krieg zu Ende, und der Graf kehrte in sein Schloss zurück, hoch geehrt und reich belohnt vom Kaiser für seine kühnen Taten. Derweilen aber hatte seine Gemahlin einen dritten Knaben geboren. Den hatte der Diener auch in den Wald hinausgetragen. Und die Alte sagte zum Grafen: «Dein stummes Weib ist eine Hexe und hat den Tod verdient. Das dritte Kind war ein garstiges Ungetüm.» Und der Diener stand dabei und sagte: «Ja, gnädiger Herr, es ist gleich durch das Fenster nach dem Wald geflogen.»
Da ergrimmte der Graf und konnte nicht anders, er liess seine Gemahlin in den Turm werfen, und das Gericht verurteilte sie, dass sie bei lebendigem Leib verbrannt werden sollte.
Als der Holzstoss im Schlosshof aufgeschichtet war, wurde die junge Gräfin hinausgeführt und an den Pfahl festgebunden, und alle Richter waren gegenwärtig und standen da in ihren schwarzen Mänteln. Dann trat der Herold vor und kündigte der jungen Gräfin den Tod an. Danach wandte er sich lauten Rufes nach allen Richtungen des Himmels und fragte, ob jemand willens und bereit sei, die Angeklagte zu verteidigen und ihre Unschuld zu erweisen. Aber alles schwieg, und so still war's, man hörte keinen Atemzug. Eben sollte das Feuer angezündet werden, da erscholl aufs Mal fernher ein Hornstoss und mit Sturmeseile jagten drei stolze Reiter daher in silberblinkenden Rüstungen auf rabenschwarzen Rossen, und alle drei führten einen Raben im Schild, und ein jeder hielt ein wunderliebliches Knäblein im Arm. Und ehe der ruchlose Diener, der eben die brennende Fackel erhob, sich dessen versah, hatte der vorderste von den Jünglingen ihn mit seinem Speere durchstossen. Alle drei aber riefen eines Mundes: «Hier sind wir, liebste Schwester, und hier bringen wir dir deine drei Kinder wieder. Die gute Fee im Walde hat sie dir gehütet und aufgezogen.» Und sie holten die junge Gräfin von dem Scheiterhaufen herab und herzten und küssten sie. Und nun trat sie vor ihren Gatten und erzählte ihm alles der Reihe nach, was sich zugetragen. Da war denn Jubel und Freude ohne Ende, könnt ihr euch denken. Aber jetzt wurde die tückische Alte auf den Holzstoss gebracht und zu Asche verbrannt. Die drei Brüder aber kehrten heim zu ihren Eltern und der Graf und seine Gemahlin lebten mit ihren Kindern in treuer Liebe bis an ihr Ende.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch