Das Katzenschloss
Es ist viele Jahre her, da ritt an einem Sommerabend ein junger Rittersmann durch einen Wald, und je länger er ritt, desto dichter wurde der Wald, so dass das Licht der Sonne nur schwachen Schimmers noch durch Baum und Laub drang. Im tiefsten Dickicht stieg er vom Pferde, um an einer rauschenden Quelle ein Weilchen zu rasten, da umstand ihn plötzlich ein ganzer Schwarm von grauen Katzen. Die raulten und jaulten, schnurrten und knurrten und gebärdeten sich so seltsam, dass es dem Ritter schier unheimlich zu Mute wurde. Da sah er, wie sie immer wieder nach einem kaum mehr sichtbaren Pfade im Gebüsche liefen und ihm bedeuteten, er solle ihnen folgen. Der Ritter führte sein Ross am Zügel und schlug den Pfad ein. Da hüpften und sprangen und tanzten die Katzen ihm so fröhlich vor den Füssen umher, dass er schier hätte lachen müssen, wenn's ihm drum gewesen wäre, denn es ging durch immer dichteres Gestrüpp und Gesträuche fort, so dass er sich oft mit dem blossen Schwert den Weg bahnen musste. Mit eins lichtete sich der Wald, und da sah er vor sich auf einem grünen Bühl, ein schimmerndes Schloss, von uralten Bäumen umstanden. Und nun forderten die Katzen ihn wieder mit den seltsamsten Gebärden auf, durch das Tor einzutreten. Der Ritter tat's und band sein Ross im Schlosshof an eine Säule von Marmelstein und schritt den Katzen nach in einen hochgewölbten Saal. Auf einem Thron von Elfenbein ruhten auf purpurnen Kissen zwei prächtige Katzen, eine weisse und eine schwarze. Denen nahten die andern Katzen gar ehrfurchtsvoll, und verneigten sich mit geschweiften Schwänzen, als wollten sie ihnen huldigen. Auch der Ritter verneigte sich tief, und schon wollte er die beiden Tiere anreden, denn er merkte wohl, dass da ein Geheimnis walte. Allein ehe er zur Rede kam, da tummelten sich die grauen Katzen wieder zu Hauf um ihn her und nötigten ihn in einen anderen Saal. Da stand ein prächtig gedeckter Tisch bereit mit einem auserlesenen Mahl. Er sass zu und ass und trank nach Herzenslust von den leckeren Speisen und den goldhellen und dunkelroten Weinen. Und die Katzen warteten ihm auf so flink und geschickt wie die besten Diener an einer königlichen Tafel. Nach dem Essen geleiteten sie ihn zu einem reich verzierten Himmelbett mit seidenschweren Umhängen und halfen ihm, sich entkleiden. Eine sanfte Musik erscholl wie fernes Geigengetön, und bald war der Ritter entschlummert.
Mitten in der Nacht aber zupfte etwas an seiner seidenen Decke, und als er verwundert die Augen aufschlug, da stand die schwarze Katze mit einem silbernen Kerzenstock vor seinem Bett und sprach mit menschlicher Stimme: «Wackerer Ritter, vernehmt meine Geschichte: Ich bin König über ein grosses Reich, und die weisse Katze ist meine einzige Tochter; die grauen Katzen sind mein Hofstaat und Gesinde. Ein böser Zauberer warf seinen Hass auf mich, weil ich ihm meine Tochter nicht zur Frau geben wollte, und hat uns alle in Katzengestalt verwunschen. Ihr, edler Ritter, könnt uns erlösen, wenn ihr den Mut habt, diese Nacht noch den Berg zu ersteigen, wo die drei goldenen Kreuze leuchten. Am Fusse des mittleren Kreuzes ist eine Zauberwurzel gewachsen. Vermögt ihr die zu erlangen und berührt ihr damit mich und meine Tochter und unser Gesinde, dann werden wir alle wieder Menschen werden. Und ihr sollt meine Tochter zur Frau bekommen und König werden an meiner Statt.» Der Ritter besann sich nicht lange, sprang ungesäumt von seinem Lager auf, wappnete sich, und schritt, das blosse Schwert in der Hand, bergwärts in die Nacht hinaus. Und finster war es, man sah nicht die Hand vor dem Gesicht.
Wie er den Berg zu ersteigen begann, da hub ein Heulen an, ein Tosen und Dröhnen, als stünden alle Tore der Hölle offen. Blitze schlugen ringsum nieder, der Donner grollte und krachte. Die Erde erbebte in ihren Tiefen. Es war, als wollte die Welt vergehen. Es sauste und brauste, fauchte, kreischte und zischte in den Lüften. Durch den Wald hin krachte und kroste es, und knarrte und quarrte, es prasselte, girrte und ächzte. Stämme splitterten, Äste brachen, Laub und Reiser wirbelten. Wasserstürze ergossen sich rauschend über Felsen und Flühe und rissen tiefe Runsen und Rinnen. Feuerlohe schlug auf aus Spalten und Klüften, allenthalben züngelten Flammen und Funken sprühten wie Feuerregen. Aus allen Schlünden und Gründen des Berges stiegen Schrecknisse auf, grässliche Scheuel und Greuel, Gespenster und Ungeheuer und drohten dem Ritter. Der bekreuzte sich und hielt sie mit dem Schwert sich vom Leibe. bis sie wichen, und furchtlos klomm er fort von Wand zu Wand, bis er auf dem Kulm stand, wo die drei goldenen Kreuze leuchteten. Er grub die Zauberwurzel aus dem Boden am Fusse des mittleren Stammes, und als er zu Tal stieg, da war alles stille und am heiteren Himmel blinkten die Sterne. In der grossen Halle des Schlosses waren die Katzen allzumal versammelt und harrten ihres Erlösers. Der Ritter berührte sie alsbald der Reihe nach mit der Wurzel. Da flutete mit eins ein Meer von Licht durch den Palast, so dass der Ritter geblendet die Augen schloss. Als er wieder sehend war, da sass auf dem Throne ein würdiger Greis, die Krone auf dem Haupt, das Szepter in der Hand, und neben ihm die anmutigste Prinzessin, und rundum im Kreise standen Ritter und Edelfrauen in vollem Schmuck und Putz und Diener und Lakaien, Zofen und Mägde. Der alte König winkte den Ritter zu sich, legte die Hand der Prinzessin in die seine, und dann ward desselbigen Tages das Hochzeitsfest gefeiert in Herrlichkeit und Freuden.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch