Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Nedelbriet

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Turtmanntal
Kategorie: Zaubermärchen

Gen Abend trieb ein Hirtenbüblein seine Geissen ein. Wie er sie überzählte, fehlte ein weisses Geissli, das einem rohen Bauern gehörte. «Wart, du Nichtsnutz, dich schlag ich krumm und krüpplig», schrie der Mann, «wenn du mir die Geiss nicht heut noch heimbringst!» Und was wollte da der Bub anders machen, er musste in den Wald zurück und das Tier suchen.

Es dunkelte schon, und da brach zu allem noch ein Unwetter los, und es wurde mit einem Schlage stockfinstere Nacht, und der Regen schlug nieder wie Geisselschnüre. Dem armen Büblein wurde himmelangst so allein im dunkeln Wald, wo er weder Steg noch Weg mehr sah, und er lief, was er konnte, um heim in Schermen zu kommen, aber er geriet nur immer tiefer in den Wald. Aufs Mal sah er vor sich in der Ferne ein Lichtlein schimmern. Er lief darauf zu und kam vor eine Hütte. Er klopfte an die Türe. Eine alte bucklige Frau tat ihm auf. Die hatte eine Nase, die hing ihr bis über den Gürtel herab, und Ohren hatte sie, so gross wie Suppenteller. «Eh, sieh das Bürschlein!» krächzte sie, «du kommst uns gerade recht.» Und sie packte ihn am Kragen und sperrte ihn in das Ställi nebenzu. Da sass er nun am Trockenen.

Am andern Morgen brachten ihm die beiden Töchter der Alten zu essen, - und die waren nicht schöner als die Mutter -, lauter Leckerbissen, mehrmals am Tage, denn das magere Büblein sollte gross und feist werden, damit sie ihn dann schlachteten und brieten, wenn es so weit wäre. Das ging so drei Wochen, und das Büblein ward alsgemach rund und ründer. Da kam die Alte und krächzte:

«Büebli, Büebli chly und fy

Zeig mer au dys Fingerli!»

Der Bub streckte ihr ein Hölzlein heraus. «Nein, du bist noch zu mager», sagte sie, und die Mädchen mussten ihm noch mehr gute Sachen zum Essen bringen. Als wieder drei Wochen vergangen waren, kam die Alte wieder und sprach:

«Büebli, Büebli chly und fy

Zeig mer au dys Fingerli!»

Der Bub streckte wieder ein Hölzlein heraus, und noch immer war er nicht fett genug.

Weitere drei Wochen vergingen, da kam die Hexe wieder und sprach:

Büebli, Büebli chly und fy

Zeig mer au dys Fingerli!»

Da streckte der Bub den Finger heraus, denn nun war es ihm verleidet, immer in dem finstern Stall eingesperrt zu sein. Der Finger deuchte die Hexe fett genug. Sie ging hin und hing den grossen Kessel übers Feuer und rüstete alles zur Metzgete. Die Töchter aber schickte sie in den Wald nach Holz. Dann holte sie den Buben aus dem Stall, und der war gross und stark geworden. Sie ging mit ihm zum Kessel. Jetzt wollte sie nachsehen, ob das Wasser schon siede, und beugte sich über den Rand des Kessels. Da aber hatte sie der Bub schon bei den Füssen gepackt und kopfüber in das brodelnde Wasser gestürzt. Als die Töchter mit ihren Reiswellen aus dem Walde zurückkamen, lag die Mutter tot in der Brühe, und der Bub war fort. Da liefen sie heulend in den Wald zurück und schrien in einem fort: «Nedelbriet! Nedelbriet!» Aber sie haben ihn nicht mehr gefunden. Und der Bub? - Ja, der war längstens wieder daheim, aber ohne das verlorene Geisslein.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch