Vom Himmelreich und ewiger Seligkeit
Es waren einmal zwei fromme Ritter, die waren einander gute Gesellen. Der eine sprach zu dem anderen: «Auf diesen Tag da ich Hochzeit habe, bitte ich dich, du wollest zu mir kommen und mir helfen zu Tische dienen.» Jener sprach: «Mit dem Beding, dass auch du auf den Tag bei mir seiest, wo ich Hochzeit haben will, und mir auch helfest zu Tische dienen.»
Es fügte sich aber so, dass der eine starb, und der andere hatte Hochzeit, und der Tote kam und diente ihm zu Tische. Da nun das Mahl zu Ende war, da sprach der Tote zu seinem Gesellen: «Ich habe dir gehalten, was ich dir zugesagt habe, und auf den siebenten Tag will ich Hochzeit halten, und da sollst du mir auch zu Tische dienen.» Der andere sprach: «Wie kann ich dir dienen, wo du tot bist?» Der Tote sprach: «Nächsten Sonntag, wenn du aus der Kirche gehst, so wirst du vor der Kirche ein weisses Pferd stehen finden, das ist gesattelt. Darauf sitze und zwei weisse Hunde werden dir den Weg weisen, doch sollst du zuvor eine lautere Beichte tun.» Der Ritter fand alles, wie sein Gesell gesagt hatte, und er sass auf das Pferd. Die Kirchenleute aber sprachen: «Herr, wohin wollet Ihr? Wann kommet Ihr wieder?» Er antwortete: «Ich fahre, wo Gott will, und komme wieder, wann Gott will.» Die Hunde liefen vor ihm her, und das Pferd ihnen nach, und sie liefen so schnell über das Feld wie der Wind und kamen bald in einen Wald zu eines Priesters Haus. Der war ein Waldbruder. Da stunden die Hunde still, der Ritter stieg ab von dem Pferd. Er hatte etwas vergessen zu beichten. Er beichtet es, und stieg wieder auf das Pferd.
Und unlang, so kamen sie an eine Burg. Da stieg er ab und sein Gesell kam ihm entgegen und sprach zu ihm: «Wie bist du so lang ausgeblieben? Man hat schier gegessen, nur eine Tracht noch hat man zu essen, zu der musst du dienen.» Und er führte ihn hinein. Da sah er viel Volkes, schön geschmückt, und Freude ohne Ende. Da man gegessen hatte, da sprach der Tote: «Wohlauf, mein guter Gesell, du musst wieder heim.» Jener aber sprach: «Lass mich noch länger weilen, noch bin ich kaum eine Stunde hier gewesen.» Der Tote sprach: «Du bist länger hier gewesen, als du meinst.» Als der Ritter hinauskam, da fand er das weisse Pferd und die zwei Hunde wieder. Und er sass auf das Pferd und kam in den Wald, wo er gebeichtet hatte. Da sah er den Bühl wohl, das Haus des Waldbruders aber war hinweg. Da verwunderte er sich. Als er nun in seine Herrschaft kam, da waren die Wälder abgehauen und das ganze Land war verändert. Wo sein Schloss stehen sollte, da war das Kloster einer Abtei. Er sass ab, und die Hunde und das Pferd fuhren ihres Weges. Er ging an das Kloster und fragte, wie das dahin gekommen wäre in einer Stunde. Der Pförtner sprach, das Kloster stehe wohl zweihundert Jahre schon da. Der Abt und der ganze Konvent kamen und redeten von der Sache. Da war ein alter Mönch, der erzählte, wie er von seinem Grossvater gehört habe, es wäre ein Herr dieses Landes vor vielen, vielen Jahren eines Tages auf einem weissen Pferd hinweggeritten, der habe gesagt, er reite wo Gott wolle, und würde wieder kommen, wann Gott wolle.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch