Das Büblein und das Vögelein
Der Heer in Leuk hatte lange schon bemerkt, dass der Senn von der Hungerlialp, der im Rufe stand, ein gar braver, frommer Mann zu sein, samt seinem Hausstand nie zur Messe kam, weder am Sonntag, noch an gebotenen Feiertagen, ja selbst zu Weihnachten und an Ostern nicht. Er sage allemal, so erzählten sich die Leute, er diene Gott auf seine Weise und habe täglich seine eigene Messe. Das aber durfte der Heer kraft seines Amtes dem Manne nicht so hingehen lassen, und er liess ihm drum ausrichten, er habe seine Kirchenpflichten wie alle anderen zu erfüllen. Mehrmals war der Mann also schon gemahnt worden, aber vergebens. Zuletzt am End entschloss sich der Heer, selber hinaufzusteigen und den Mann zur Rede zu stellen.
Als er zu den Alphütten kam, fand er nur die Kinder zu Hause. Er fragte sie, wo denn die Eltern wären. - «Zur Messe!» antworteten sie und wiesen gegen den Wald hin. - «Was, zur Messe? Im Walde? Wo weder Kapelle noch Kirche steht», dachte der Heer bei sich. Nach einer Weile kamen die Eltern zurück. «Woher kommt ihr jetzt?» fragte sie der Heer, «und wisset ihr denn nicht, was das zweite Kirchengebot verordnet? Und warum hört ihr die Messe nicht? Empfanget ihr nie die heilige Kommunion?» - «Damit hat es keine Not», antwortete der Mann, «alltag gehe ich zu einem Felsen im Walde, ein Engel verrichtet dort das heilige Messopfer; dem diene ich zur Messe und von ihm erhalte ich die heilige Kommunion. Und eben jetzt kommen wir vom Amte.» Der Heer schüttelte den Kopf zu den sonderbaren Worten der Leute. Dann ging man zu Tische. Und da schien es dem Heer, sie hätten nur wenig gekocht. Aber ob auch alle mit grosser Esslust assen, wurden sie doch satt, und zuletzt blieb obendrein noch mehr als genug übrig.
Nach dem Essen nahm der Senn den Heer bei der Hand: jetzt werde er ihn zur Messe führen. Nach kurzem Gang kamen sie zur einsamen Stätte. Auf freiem Platze ragte ein grosser Felsen. In dessen Mitte war eine Mulde ausgehöhlt. Die war mit Weihwasser gefüllt. Noch heute heisst der Fels der «Weihwasserstein» oder die «Messfluo». Nun sagte der Senn zum Heer: «Stelle dich auf den linken Fuss und lug mir über die rechte Schulter!» Der Heer tat es und er blickte in den Himmel hinein. In blauer Höhe schaute er einen lichten Altar, umgeben von Scharen der Engel, die das heilige Messopfer darbrachten. «Nun stelle dich auf den rechten Fuss und lug mir über die linke Achsel!» sagte weiter der Senn. Wieder tat der Heer, wie er geheissen, und er blickte in die Hölle und schaute die Pein der gefolterten Seelen. Da hegte der Heer keinen Zweifel mehr an der Frommheit der seltsamen Bergler.
Gen Abend nahm der Senn ein Handmälterlein, das die Frau mit dem feinsten Nidel gefüllt hatte als Bhaltis für den Gast, und geleitete den Heer durchs Tal hinaus nach Leuk, wo er am andern Tage der Messe beiwohnte. Der Heer liess ihn während der Handlung und der Predigt strenge überwachen, um zu sehen, wie er sich betrage. «Nun», sagte der Pfarrer nach dem Amt, «wie hat der Mann sich während des Gottesdienstes verhalten?» - «Ohne Tadel», sagte der Aufpasser, «nur sahen wir, dass er einmal weinte und einmal lachte, und als ihr die Monstranz emporhobt, da hat er gerufen: «Halt ihn! Halt ihn!»
Da ging der Heer und bat den Mann, ihm in die Sakristei zu folgen, er habe noch etwas mit ihm zu reden. Wie sie nun miteinander das schmale Weglein zwischen den Gräbern durch über den Kirchhof gingen, da sah der Mann bei jedem Schritt und Tritt ängstlich vor und neben sich, als ob er fürchte, seinen Fuss geradezu auf den Boden zu setzen. «Was ist im Wege, dass du so kurios gehst?» fragte der Heer ein wenig unwirsch. «Sehet Ihr denn nicht die armen Seelen, die allenthalben aus dem Boden herausragen, wo ihre Leiber begraben sind», antwortete der Mann. Und wie sie die Sakristei betraten und der Heer ihm einen Stuhl bot, sagte er: «Mit Verlaub, erst häng ich meinen Hut auf.» Die Sonne, die durch das Fenster in den feinen Dunst schien der in der Luft lag, warf einen hellen Strahl durch den Raum. An diesen Lichtstrang hängte der Mann Hut und Mantel auf, und diese blieben daran hängen. Wie der Heer das sah, da getraute er sich kaum noch, seinen Gast zu fragen, welche Bewandtnis es habe mit seinem Gebaren während des Gottesdienstes. - «Ja, sehet, Hochwürden», antwortete jener lächelnd, «ich sah in der Kirche von dem Platz aus, wo ich sass, den Teufel auf dem Fenstersims hocken. Der hatte gar viel zu tun, alle sündhaften Gedanken und Verfehlungen des Kirchenvolks aufzuschreiben, eine ganze Kuhhaut voll. Ob solcher Schlechtigkeit musste ich weinen. Dann aber sah ich, wie der Teufel die Kuhhaut mit den Zähnen auseinanderzerren wollte, damit sie sich dehne und er noch mehr darauf bringe. Aber er zerrte so stark, dass die Haut plötzlich zerriss, und von dem Ruck zerschlug sich der Teufel die Hörner an der Kirchenmauer. Da hab' ich halt lachen müssen. Und dann habt ihr den Heiland so spitzig gehalten, dass mir Angst ward, er falle zu Boden.»
Erstaunt, dass dieser Senn Dinge sehen und vollbringen konnte, die sonst nur Heilige zu schauen vermögen und zu tun pflegen, bedeutete ihm der Heer, dass er nicht zur Kirche kommen brauche. Er solle es nur weiterhin so halten, wie bisher, und ehrerbietig liess er ihn ziehen. Der Mann nahm Hut und Mantel, um zu gehen. Aber auf der Schwelle wandte er sich nochmals um und sprach: «Hochwürden, eine Bitte hätt' ich, gebt mir doch auch so ein hochgesegnetes Brot, dass ich's meinen Kindern heimbringe. Und der Heer tat ihm eine heilige Hostie in das Handmälterlein, worin ihm der Mann den Nidel gebracht hatte. Dann ging jener talaufwärts, das Mälterlein behutsam in der Hand. Aber wie er daheim den Deckel ablüpfte, um den Kindern das hochgesegnete Brot zu geben, da flog wie ein Sommervogel ein Engelein heraus.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch