Der Balmenmann auf Blatten
Balmen heisst ein überhängender Felsblock bei Blatten. Vor Zeiten lebte darunter ein braver, frommer Bauer. Der war aber auch sonderbar und tat nicht wie andere Leute. Dort wo er wohnte, stand eine gnadenreiche Kapelle der Muttergottes. Im Winter kam er nie zur Kirche, sondern er diente Gott auf seine Weise; er habe täglich seine eigene Messe, sagte er. Der Heer aber wollte das dem Manne nicht so hingehen lassen, dass er nie zu den heiligen Sakramenten kam, selbst an Ostern nicht. Er liess ihm drum ausrichten, er habe seine Kirchenpflichten wie die andern zu erfüllen. Mehrmals wurde er vergeblich gemahnt, endlich erschien er eines schönen Morgens in der Kirche und trat in die Sakristei zum Pfarrer und sprach: «Ich komme, weil Ihr es so haben wollt; — doch mit Verlaub, hänge ich erst meinen Hut auf.» Nun schien die Sonne durch das Fenster der Sakristei grad auf die gegenüberliegende Wand. An diesen Sonnenstrahl hing der Bauer seinen Hut und setzte sich.
Da erkannte der Heer, dass ob dem frommen Manne ein höherer Geist walte; er stand auf und liess ihn ziehen.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch