Das Stollen-Hauri
Von der Bahlisalp fliesst der Lauibach ins Tal. In alten Zeiten nannte man denselben die «Gynlauine». Er floss untenher dem Alpwald durch den sogenannten Bärengraben nach Unterfluh und dann in seinen jetzigen Lauf. Oben am Stollen hatte der Stollen-Hans ein kleines Häuschen, wo er mit seinen Ziegen das ganze Jahr zwar einsam und bescheiden, aber mit Wenigem zufrieden und vergnügt lebte. Einmal kam der Bärengaden-Bauer und der Melk im T'wing zu ihm und versprachen ihm eine hübsche Ziege, wenn er der «Gynlauine zweghelfe», dass sie einen andern Lauf bekomme. Eine schöne Ziege mehr, das war für den Stollen-Hans ein grosses Vermögen. In einer düstern Nacht hackte er das ganze Port durch und ehe es Morgen war, stürzte der wilde Bergbach nach dem Hohfluhdorf hinunter. Vielen verschüttete er die Äcker und manch Häuslein und Scheuerlein liegen unter seinen Trümmern.
Nun ging alles hin und wollte den Bach wieder in seinen alten Lauf bringen, aber es gelang nicht mehr. Der Bach hatte schon eine so tiefe Runse eingefressen, dass menschliche Arbeit keinen so grossen Damm aufzuführen vermochte. Nun wurde der Jammer und das Herzeleid der armen Leute noch grösser. Eine arme Witwe, welcher der Bach das Häuschen mit allem was sie hatte, weggeschwemmt, verwünschte den Bach. Dem Stollen-Hans, der dies Unglück sah, wurde es schwer ums Herz. Seine Freude war dahin. Er hatte weder Ruhe noch Rast und zog in fremde Lande. Man hat nie mehr etwas von ihm gesehen und gehört und weiss nicht, was aus ihm geworden.
Aber wenn am Giebel Nebel schleichen und aufsteigen und der Hochstollen eine graue Haube anzieht, so tönt's und ruft's schaurig im Lauigraben und am Stollen: «Hojo, hoho, hojo!» Dann ruft die Mutter die Buben herein, weil das Stollen-Hauri vor dem schwarzen Wildwasser warnt. Die «Gynlauine» schwillt dann kurz darauf an und prasselt Verderben drohend ins Tal.
«Der Bach chunt, der Bach chunt:
Sind mini Bueben alli g'sund?
Ja-Ja-Ja.
Der Bach ist da, der Bach ist nah',
Sind mini Bueben alli da?
Ja, Ja, Ja.»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch