Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Büblein und das Vögelein

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Brienz
Kategorie: Sage

Es ist nun schon manches Jahr her, da kehrte eines Tages zur Mittagszeit der Bub von wackern Schnitzlerleuten aus der Schule heim. Er mochte wohl dreizehn Jahre und darüber sein. Als er das Hofstettli neben dem Hause betrat, hörte er aufs Mal einen Vogel so seltsam singen, dass er stillstand und staunte und lauschte. Das Vögelein sang so schön, so schön. Das musste die Mutter auch hören, eh ja! Und er lief zu ihr in die Küche: «Mutter, Mutter, komm! Oh wie singt im Hofstettli ein Vögelein, so schön! so schön!» Aber die Mutter hatte gerade die Suppe aufgesetzt und keine Zeit zuzuhören, wie die Vögel pfeifen.

Da lief der Bub weiter zum Vater, der in der Laube vor der Wohnstube schnitzelte. «Oh Ätti, Ätti, hör doch, wie das Vögelein singt! Eh singt das jetzt schön, so schön!» Der Vater kam dem Bub zulieb herunter, und beide gingen in die Hofstatt. Da stand der Bub still und staunte und lauschte, und die Wangen wurden ihm glühend heiss. «Hörst du's Ätti, hörst du's?» Nein, der Ätti hörte es nicht. Ein Schildvogel pfiff oben auf dem Dachfirst sein altvertrautes tägliches Liedlein: «Zied, zied, zied, cheust mi nid fahn!» Aber um dem Buben die Freude nicht zu verderben, tat der Vater, als höre er den wundersamen Gesang auch. Zuinnerst inne in sich aber war er tief erschrocken. Mit rechten Dingen, deuchte ihn, konnte das nicht zugehn.

Wenige Tage darnach wurde der Bube krank, ach so krank! Da hat kein Doktor mehr helfen können. Und eh die Sonne das dritte Mal zu Gold ging, war er tot.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch