Seltsame Begegnungen
In Gestelen im Lötschental hirtete ein hablicher Bauer jeden Winter eine Zeitlang sein Vieh im Stall auf dem Maiensäss. Als er einst die Schafe hinauftrieb. schlich ein Wolf daher und fletschte gierig die Zähne. Der Bauer dachte: Besser ist, freiwillig einen kleinen Schaden leiden als Ungewisses zu wagen, und warf das kleinste Schaf über die Felsen. Der Wolf sprang ihm nach und frass es auf.
Im Herbst drauf unternahm der Bauer eine Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Einsiedeln. Der Wirt bei dem er einkehrte um zu nächtigen, behandelte ihn mit auffallender Höflichkeit. Als der Bauer am Morgen die Rechnung verlangte, sagte der Wirt, er sei ihm nichts schuldig, die Rechnung sei beglichen. Der Bauer wehrte ab, er begehre keinen Almosen, er vermöge wohl zu zahlen. «Nun denn», sagte der Wirt, «ich will dir erklären, warum ich nichts von dir verlange. Erinnerst du dich? Letzten Vorwinter hast du die Schafe zum Füttern auf die Alp getrieben und einem hungrigen Wolf eins zum Fressen hingeworfen. Der Wolf, das bin ich gewesen. Wir hatten auf Schattenhalb eine Hexenzusammenkunft und danach hat sich jeder nach Belieben in ein Tier verwandelt. In der Gegend unbekannt, verirrte ich mich. Hätte ich nicht eins deiner Schafe zu fressen bekommen, ich wäre vor Hunger umgekommen. Das nahm ich als Warnung; seitdem gehe ich nie mehr zu solchen Zusammenkünften.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch