Der Zwergenprinz und die Müllerstochter
Es war einmal - aber das ist schon lange lange her - ein Zwergenkönig namens Pizzipazzi. Der sprach eines Tages zu seinem Sohn dem Prinzen Zwitzizwätzi: «Du wirst nun bald die Krone erben. darum ist es an der Zeit, dass du auch das Reich kennen lernst, das du regieren sollst. Drum zieh aus in alle Gegenden unseres Landes und schau nach unseren Völkern.» Der Prinz tat nach des Vaters Geheiss und durchzog mit grossem Gefolge und vielen Schätzen das ganze weite Reich. Zuletzt stieg er über den Berg Ben und kam auch ins Wallis, wo seit alters an Halden und Hängen, in Tobeln und Tälern scharenweise die Zwerge hausten.
In Blummatt wohnte ein Müller, der hatte ein wunderliebliches Töchterlein, Eveli geheissen. Als der Zwergenprinz sie eines Tages auf der Matte die Wäsche zur Bleiche auslegen sah, da beschloss er alsbald, dieses Mädchen zu seiner Königin zu machen. Und er befahl, drei geräumige Höhlen zu graben, eine für sein Gefolge, eine für sich und eine für Eveli. Ihm aber, dem Mädchen, gefiel der garstige Zwerg nicht, ob es auch der Königssohn selber war, denn er war kaum spannenlang und braun und bärtig im Gesicht wie Tannenrinde und hatte die Füsse hinterwärts gekehrt und überdies hatte Eveli sein Herz längst vergeben: ein hübscher Jungknab der Gegend, ein Jägergesell, war ihr Liebster. Aber der Zwerg kam gleichwohl zur Mühle und warb um sie; «Gist ihr, sie git sich dir», dachte er und brachte ihr die kostbarsten Kleinodien zum Geschenk und wollte ihr gar ein Ringlein mit einem funkelnden Edelstein dran ans Fingerlein stecken und ein wunderfein geschmiedetes Goldkrönlein aufs Haupt setzen. Aber Ring und Krone, beides war Eveli viel zu klein. Doch tat der zierliche Kram es dem Maitli an; sie konnte schier die Augen nicht davon wenden und oft nahm sie die Dinge heimlich hervor und spielte damit. Auch sah sie wohl, wie so gar lieb das Zwerglein sie hatte, denn wer einem Lieb erzeigt, der bereitet einem Sorge.
In derselben Gegend wohnte auch eine weise Frau, der sagte man nur die Waldelster, weil sie in einer moosbedeckten Hütte oben im Walde hauste. Die kam oft in die Mühle und konnte es gut mit den Müllersleuten. Als diese das nächste Mal wieder kam, erzählte ihr Eveli was sich mit ihr und dem Zwerge zugetragen. Da sagte die Alte: «Mein liebes Kind, wenn es weiter nichts ist, was dir Sorge macht, dann ist leicht geholfen. Gib mir drei Haare von deinem Haupt und einen abgetragenen Schuh von deinem linken Fuss, dann werde ich dir raten. Und sobald der Zwerg wieder zu dir kommt, so hole mich her.» Eveli gab ihr das Verlangte und versprach, sie zu rufen, wenn der Zwerg komme.
Schon den andern Tag kam er wieder mit seinem ganzen Gefolge. Das Völklein sprang allerlei Tänze und schlug Purzelbäume Eveli zur Kurzweil, just als wollte es ihr huldigen als ihrer künftigen Königin, so dass sie ganz vernarrt ward in die zierlichen Wichte - doch die Frau eines Zwerges werden, davor graute ihr. Aber sie hatte seine Geschenke angenommen, und wer weiss, meinte sie, das ist vielleicht so gut wie versprochen, denn Gaben verpflichten. Und sie zurückgeben, das gehe auch nicht wohl an, ohne den Zwerg zu kränken. Als sie so sann, kam aufs Mal die Waldelster: «Eh, sei nicht so dumm!» sagte sie, «ich werde dir schon aus der Klemme helfen.» Und sie sprach zu dem Zwerge: «Dein Krönlein und dein Ringlein sind viel zu klein für Eveli. Sende das Geschmeide nach Venedig, wo sie die schwarze Kunst verstehen. Da wird das Gold gehämmert und da schleift man die Edelsteine, und lass ihr eine grössere Krone machen und einen weiteren Ring. Du aber musst derweil eine Probe bestehen, wenn du Eveli gewinnen willst. Komm morgen früh beim ersten Hahnenschrei her und zeig, dass ihr mehr vermögt als die Menschenkinder.»
Bei Tagesanbruch war der Prinz mit seinem Gefolge zur Stelle, denn einem Holder ist nichts zu schwer. Die Alte sagte: «Der Müllerbursche hat aus Versehen einen Sack voll Korn in den Bach geleert. Sammle alle Körner, und Eveli wird deine Frau werden, aber kein einziges darf fehlen.» Husch, husch - da wuselten und gramselten die Zwerge im Bach herum, dass es spritzte und pflotschte und die Tropfen in der Sonne funkelten, und unlang brachten sie den Sack prall voller Korn zur Mühle. Aber da war die Waldelster auch schon wieder da und sagte: «Oh, Zwerglein, wie bist du betrogen. Es fehlen noch drei Körnlein in dem Sack!» «Wie denn das? Wie denn das?» fragte der Prinz. «Drei Fischlein haben die drei Körner weggeschnappt und sind fortgeschwommen ins grosse Meer. Und dort hat sie ein grosser Fisch verschlungen, und kein Netz von Seide und kein Angelhaken von Gold vermag diesen Fisch zu fangen.»
Da ward der Zwerg über die Massen traurig, die hellen Tränen rannen ihm aus den Augen über die Wangen und sickerten in seinen Bart. Und er verschloff sich auf dem Grund seiner Höhle und trauerte acht Tage lang. Denn: «Lieb han und myden ist ein bitter Lyden.» Da dachte er: Ich will doch hinauf an den Tag gehn und das Eveli noch einmal sehen. Und er ging zur Mühle. Da aber war die Waldelster auch schon wieder da. «Tröste dich», sagte sie, «du kannst noch eine zweite Probe bestehen. Gelingt sie dir, hast du Eveli gewonnen.»
Am andern Morgen beim ersten Tagesschein stand der Prinz mit seinem Gefolge vor der Mühle. «Ach», sagte die Waldelster, «da hat die Magd Evelis Kopfkissen in die Luft geschüttelt, und aller Flaum ist mit dem Winde fortgeflogen. Wenn du vor Abend alle Fläumlein sammeln kannst und nicht eines fehlt, dann ist das Mädchen den Tag noch dein.» Und wieder wimmelte und krimmelte das kleine Volk wie ein Immenschwarm allerorten, und unlang brachten sie das plustrig volle Kissen zur Mühle. Aber da war die Waldelster auch schon wieder da und sagte: «Oh Zwerglein, wie bist du betrogen. Es fehlen noch drei Fläumlein in dem Kissen!» «Wie denn das? Wie denn das?» fragte der Prinz. «Drei Raben haben die drei Federlein weggetragen in ihre Nester zu ihren Jungen. Und der eine hockt auf einem hohen Baum. Wenn du da hinaufkletterst, hackt er dir die Augen aus. Der andere haust in einer gähen Felsenklamm. Wenn du da hinaufklimmst, fällst du zu Tode. Der dritte nistet auf der Spitze eines alten Kirchturms. Wenn du da hinaufsteigst, wird er dich in die Tiefe stürzen.»
Da ward es dem Zwerg abermals gar weh im Herzen und jammernd ging er in seine Höhle zurück und weinte und wimmerte acht Tage lang. Da war seine Sehnsucht so gross, dass er wieder nach der Mühle ging, um Eveli zu sehen. Da aber war die Waldelster auch schon wieder da. «Sei guten Mutes», sagte sie, «noch eine dritte Probe kannst du bestehen. Glückt's dir diesmal, führst du die Braut doch noch heim. Sei morgen vor Tau und Tag wieder hier.»
Am andern Morgen sagte die Waldelster: «Gestern hat der Knecht im Vergess Linsen statt Erbsen im Garten gesät. Klaubst du sie alle wieder heraus, und nicht eine fehlt, dann wird heute noch Hochzeit gemacht.» Da durchnühlten und durchwühlten die Zwerge den ganzen Acker und sammelten alle Linsen zu Hauf. Und unlang so brachten sie die Schüssel gehäuft voll ins Haus. Aber da war die Waldelster auch schon wieder da und sagte: «Oh Zwerglein, wie bist du betrogen. Es fehlen drei Linsen in der Schüssel!» «Wie denn das? Wie denn das?» fragte der Prinz. «Drei Mäuse haben die drei Linsen gefressen und haben sich tief unterm Boden in ihre Löcher verschloffen. Wie willst du sie da finden und fangen? So klein du bist, du kannst nicht hinein, die Löchlein sind zu eng und die Gänglein zu schmal.»
Da wurde das Zwerglein noch viel viel trauriger als zuvor und es schloff in seine Höhle und schluchzte und gruchzte vor Kummer und Leid. Aber schön Eveli war ihm so lieb dass er ohne sie nicht sein konnte, und so harrte er einen Tag um den andern, Woche nach Woche, und wollte das Land nicht verlassen und heimkehren in seines Vaters Reich. Unter der Zeit aber war Evelis Liebster, wie gewohnt, auf die Jagd gegangen. Aber eines Tages kam er nicht nach Hause und blieb aus. Nach Tagen fand man blutige Fetzen im Walde und seine Armbrust. Er war von Wölfen zerrissen worden.
Da brach Eveli das Herz. Sie weinte Tag und Nacht, mochte keinen Bissen mehr essen und keinen Tropfen mehr trinken. Und bald bald ist sie gestorben. Die ganze Talschaft folgte ihr zu Grabe, denn alle Leute hatten sie gern gehabt. Auch Zwitzizwätzi der Zwergenprinz, mit seinem ganzen Gefolge kam aus der Höhle hervor und ging im Leichenzug mit. Auf das Grab legte er das goldene Krönlein nieder und pflanzte drei Lilien darein, die wunderbar erblühten. Aber der Sommer verging und der kalte Nordwind kam und mit ihm der Winter. Die Blumen welkten und verdorrten. Da sagte der Zwerg:
«Die Blüemli sind verdorbe
s'Eveli ist gstorbe.
Oh weh, oh Weh!
Hie blyb ich nimmemeh!»
Und er zog mit seinem Gefolge und dem ganzen Zwergenvolk davon, und seither hat man im Wallis keine Zwerge mehr gesehen.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch