Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Zwerglein auf der Spiezer Fluh

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Berner Oberland
Kategorie: Sage

Unweit von Einigen am Thunersee hauste vor langen Jahren im Walde ein Zwerglein. Allemal zur Sommerszeit pflegte es sich auf die Spiezer Fluh zu setzen, die steil in den See abfällt, um sich dort zu sonnen und über die blaue Flut hinzustaunen. Die guten Leute von Spiez mochten den Wicht gar wohl leiden und brachten ihm oftmals Gaben hinaus, einen Mumpf Brot, ein Kacheli Milch, Käse und Äpfel. Das Männlein dankte gar artig und nannte den Gebern zuweilen eine Glückszahl. War es etwa die Sieben, dann konnte, der sie erhalten, darauf zählen, dass ihm nach sieben Stunden, sieben Tagen, Wochen oder Monaten oder auch erst nach sieben Jahren ein unverhofftes Glück zufiel. Die Zahl aber war allemal gar sinnvoll in einem Sprüchlein versteckt, das ein jeder in seiner Weise deuten mochte.

Einst kam auch ein armes Bäuerlein zu ihm hinauf und bat ihn um ein Sprüchlein mit einer guten Zahl darin. Da sprach das Zwerglein:

«Nimm Liecht und Füür wol in acht

und hüet dys Huus by Tag und Nacht

denn wo Füür ist by dem Stroh

da brennts angends liechterloh.»

Der Mann fand keine Zahl in dem Spruche und ging unwirsch heim. Denn auf Feuer und Licht gebe er wahrlich auch ohnedies gebührend acht, meinte er.

Acht Tage später brannte sein Haus ab. Als er aber acht Monate danach den Grund zu einem neuen Haus ausgrub, da stiess er plötzlich auf einen irdenen Topf voller Goldstücke, und nun war er mit einem Schlag ein hablicher Mann geworden, der nach keiner Glückszahl mehr zu fragen brauchte.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch