Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Wildmannli im Val Davos

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Im Val Davos hatte ein Mann, Pardill genannt, ein Maiensäss. Wenn er nicht füttern und melken musste, machte er Schuhe und hängte sie jeweils an einem Nagel an der Wand auf.

Allemal bei schlechtem Wetter kam ein wildes Mannli z'Schermen in den Stall. Pardill hätte es gar zu gerne gefangen. Einmal verbarg er sich, als er es kommen sah. Das Mannli glaubte, die Hütte wäre leer und verlassen, trat herein und schaute sich neugierig herum. Beim Feuerherd sah es eine Menge Eierschalen. Da verwunderte es sich und sagte: «I bin afange alt und uralt, aber soviel Guckhüsli bi eim Fürli han ich no nie atroffe.» Als es die Schuhe an der Wand bemerkte, nahm es sie herunter, probierte sie am Kopfe, dann an den Händen und endlich an den Beinen. Es schloff mit beiden Füssen hinein. Die Schuhe waren aber zusammengebunden, und es hatte die Nestel nicht voneinander gelöst, und so konnte es darin nicht gehen. Da sprang Pardill aus seinem Versteck hervor und fing den Wicht, ehe er aus den Schuhen fahren konnte.

Er führte es nun gebunden nach Jenatz. Die Dorfleute sammelten sich auf einer Matte und umstanden den raren Fang in einem Kreise, um ihn so recht zu beschauen. Und der eine sagte dies und der andere das. Ein Schmied sagte:

«D'Schmida hand au a Kunst erdacht,

Sie hand Stahl und Ise zemebracht.»

Darauf rief das wilde Mannli: «Den heians au Sand derzuagworfa!» Nun erst merkte der Schmied, was sie zu tun hätten, um aus Eisen Stahl zu machen.

Unterweilen aber war das Mannli aus den Schuhen herausgekommen. Wie eine Gemse sprang es über zwei Männer hinweg und lief davon, indem es rief:

«Pardill, Pardill, der ist a Man

Der hat mi gfanga und nit la gahn.

Die andara, die sind nur Schyssman!»

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch