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wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Crestamannli als Alphirt

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Vor Zeiten hatten die Alpgenossen von Schaan eine rechte Not. Schon manchen Sommer verfolgte sie leidig Ungfell auf der Alp: manche Kuh stürzte ab trotz Zäunen, das Jungvieh bekam die Blag oder sonst ein Gebresten und viele Kühe trugen nicht aus und kamen ohne Kälber von der Alp. Der Senn hatte es leicht, denn es gab wenig zu melken, aber der Hirt hatte ein Leben, keinem Hund hätte man es so gegönnt; an allem Ungfell und Lätzen war immer er schuld, nie das Wetter, behüte gar der Senn oder der Zusenn. Drum wollte im Frühling keiner sich dingen lassen und auf der Alp hirten, auch nicht um einen wackeren Lohn.

Am Abend vor der Alpauffahrt trug sich ein fremdes, munziges Mannli an, er wolle es übernehmen und probieren, Geld begehre er keins, aber recht zu essen, ein festes Dach und ein gutes Lager und im Herbst ein Mäntelchen, wie er jetzt eins trage. Freilich, wenn der Föhn einfalle, dann müsse man ihm einen Gehilfen schicken, sonst gefahre er, irgendwo über eine Fluh hinaus geworfen zu werden. Der Alpvogt beschaute den Wicht: «Keine Schuhe? und auf der Alp hirten? Dir sollte man zuerst ein Paar Schuhe geben und nicht erst im Herbst ein Mäntelchen. Überfordert hast du wahrlich nicht. Wir wollen dich nehmen. Wenn du aber aus irgendeinem Grund nicht bleiben magst, dann berichte beizeiten. Dann kann man sich richten.» Das Mannli versprach es.

Als man tags darauf zur Alp fuhr, brachte das Mannli einen grossen Sack voll Farnkräuter für sein Lager und einen Haselstecken mit. Alles lachte über den Knirps, der werde nicht lang hirten, so barfuss. Besonders der Senn hatte ihn auf der Latte und stichelte und hänselte, aber das Hirtli kehrte sich nicht danach, tat, als würde es nichts hören und machte seine Sache. Der Aufstieg lief wie am Schnürchen, aber nicht wie sonst mit Fluchen, Prügeln und Stüpfen, nein mit der Salztasche, mit Locken, Pfeifen und Flattieren. Auf der Alp oben nahm der Vogt das Hirtli zur Seite und sagte ihm, worauf es ankomme: wo man zuerst weide, wo zuletzt, wo am Morgen und wo am Abend; wo man das Vieh tränken dürfe und wo nicht, was man zu tun habe, wenn Schnee in die Alp falle oder bei Blitz- und Hagelwetter. Das Hirtli zeigte durch Fragen und Antworten, dass es etwas von der Sache verstand. Das hätte der Alpvogt nicht erwartet. Zuletzt sagte er: «Wenn du etwas merkst oder siehst, was nicht stimmt, dann berichtest du!» «Ja», antwortete das Mannli, «sagt man das nicht zuerst dem Senn? Der sollte wissen, was man tun muss.» «Ja, ja, eigentlich schon; aber bericht du nur grad mir, es ist besser, man kann nicht wissen.

Das Hirtli hatte das Vieh gut beieinander. Die ersten Tage besichtigte es die Alp von zuunterst bis zuoberst: wo's Wasser habe, wo der Schnee zuletzt verschwinde, wo die saftigsten Alpenkräuter wachsen, der Zipriu, Muttern und Ritz, wo's giftige Eiben habe und gelben Enzian. Die Gatter, Zäune und Wehren an gefährlichen Stellen untersuchte es, flickte und verbesserte dies und jenes, aber die ganze Sache gefiel ihm nicht.

Der Senn begehrte auf wie eine Elster: das Vieh gehöre nicht auf den Staffel, sondern auf die Alp hinaus. Er wolle Hirt sein und hocke mit dem Vieh allzeit nur um die Hütte wie eine Kröte auf dem Wasserkännel. Das Mannli gab nichts zurück, hirtete wie bis anhin, zuerst nidsi, dann höher hinauf, immer dem frischen Gras nach. Kamen sie zu abschüssigen Stellen, wo das Vieh gefahrte zu Tode zu stürzen, stand das Mannli hin und wehrte und wies. — Alles war zufrieden mit ihm, nur der Senn nicht: der tobte und futterte wegen nichts und wieder nichts.

Als drei Wochen um waren, kam der Alpvogt, um zu schauen, wie es gehe. Er fragte den Senn, wie es sich mache mit dem Hirtli aus der Fremde. Jetzt leerte der den Chratten: ein unverschämtes Chrottenmannli sei es. Alles wisse es besser, nie käme es fragen, was zu tun sei. Wenn er schimpfe, tue es, wie wenn's nichts höre. Es komme rechtzeitig zum Essen, wische den Löffel ab und gehe wieder. «Grüezi, guten Abend, gut Nacht», damit hat's es. «Man kann mit ihm nicht gesprächlen abends, es hört nur zu und erwidert kein Wort. Nur mit dem Vieh, da kann es reden, da ist es gsprächig. Neben dem senne ich nur diesen Sommer, dann habe ich genug Ärger geschluckt und Verdruss. Die Galle könnte einem ins Blut überlaufen. Mich nimmt nur wunder, wie das Chrottenmannli heisst und wo es herkommt. Da ist etwas nicht geheuer!» «Ho, ho», erwiderte der Vogt, «wohl möglich, aber es ist alles in bester Ordnung. Dies Jahr gibt's doch wieder Milch und Käse, da kann man sich drauf freuen. Du solltest ihm seine Eigenheiten übersehen und dich freuen, dass alles so gut geht.» «Dafür hat man viel Arbeit, mehr als je, der Lohn aber bleibt, der ist abgemacht.» Das stach den Alpvogt in die Nase. Er ging und suchte das Hirtli auf und fand es an einer gefährlichen Stelle. Schon von weitem rief das Mannli: «Ihr kommt grad zur rechten Zeit. Lueget diesen Zaun und das Mäuerchen da, die stehen verkehrt, die muss man versetzen. Jetzt würde ein Häuptli, das da oben ausschlipft, durchbrechen und über die Felsen da abstürzen. Mich nimmt nur wunder, warum die vielen Rindenstücke da oben in den Weidweglein liegen. Das Holz hat man jedenfalls nicht hier geschält!» Der Vogt gab ihm recht und fragte ihn, wie er zufrieden sei und wie es ihm da oben gefalle. Ihm gefalle es gut. Nur die Gatter würde es besser vermachen und das Wasser, wo das Vieh nicht tränken darf, besser einzäunen.» «Und sonst? Wie ist's mit dem Essen?» «Alles recht, wacker und gut.» «Und wie ist's mit dem Senn und dem Knecht? Könnt ihr es gut miteinander?» «Mit dem Knecht bin ich zufrieden, man hilft einander ungefragt. Aber der Senn ist ein eigensinniger verknorzter Nörgler. Gestern beim Abendessen hat er nichts als die ganze Zeit aufbegehrt, man habe zu viel Milch, man werde nie fertig mit der Arbeit und müsse das Hungerlöhnli bis in alle Nacht doppelt und dreifach verdienen. Wenn es nicht bessere, müsse man gar noch am Mittag melken. Auch gehe er nachts oft weg.» Jetzt wusste der Alpvogt genug und sagte: «Sobald wir das Heu unter Dach haben, wollen wir kommen und zäunen. Bis dahin musst du Geduld haben.» Darauf ging er.

Mit der Zeit mussten sie richtig dreimal des Tages melken. Der Knecht wie der Senn hatten zu hantieren wie lätz. Am Abend, statt den Alpsegen zu sprechen, verfluchten sie einhellig die besten Alpenkräuter:

«Der Tüfel heli Zipriu, Muttern und Ritz

vom Rhy bis uff all Grät und Spitz!»

Das hörte das Mannli mit Schaudern und rief die Alp hinauf so laut wie es vermochte:

«B'hüet mer der Liebgott Muttern und Ritz

vom Rhy bis hinauf auf alle Grat und Spitz!»

In der Not hatte es vergessen, den Zipriu in den Widerfluch hineinzunehmen, drum sind seither seine Stengel hohl, die früher von Milch strotzten. Dem allem zum Trotz mussten der Senn und der Knecht noch zu viel melken.

An einem gewitterschwülen brütigen Nachmittag, die Bremen taten wild wie lätz, sammelte sich das Vieh und gefahrte auszubrechen und blindwütig über die Alp zu stürmen. Der Senn war hinter dem Vieh her, schrie, fluchte und schlug mit dem Stecken drein, aber das Hirtli lockte und pfiff und tätschelte die Leitkuh. Nicht viel hätte gefehlt, so wäre das Vieh durchgebrannt. Als in der Nacht darauf die Herde von einer dämonischen Gewalt besessen, ruggen wollte, da ging das Hirtli hinaus, nahm sein Haselstecklein und umkreiste Hütte und Senntum, bis alles Vieh wieder ruhig war. Jetzt merkte der Senn, dass ihm das Hirtli überlegen war und sagte nichts mehr, tobte und kybte nicht mehr, dafür aber bebte es um seine Mundwinkel und blitzte in den Augen.

Einmal in der Nacht hörte das Hirtli, wie der Senn aufstand, im Holzschopf eine Axt holte und fortging. Erst vor Tagesgrauen kehrte er zurück. Das Hirtli stand auf und ging hinaus an den abschüssigen Abhang. Da sah er, wie in den Kuhweglein oberhalb des Felsenabsturzes viele frischgeschälte Tannenrinden lagen, die glatte Seite nach oben gekehrt. Das Mannli besann sich nicht lange, häufte die Rindenriemen zusammen und suchte nach der geschälten Tanne. Es fand sie bald; im Wald unten lag sie, hellglänzend, keinen halben Tag alt. «Jetzt muss ich dem Vogt berichten», dachte das Hirtli, «da ist etwas nicht in Ordnung.»

Am Abend, als es dunkelte, kam ein Bettler zur Hütte. Er hätte gerne etwas zu essen gehabt und bat um ein Lager für die Nacht. Aber der Senn fuhr ihn drohend an und fluchte über diese Vagabunden, alle seien sie faule Hunde. «Mach dass du fortkommst, oder ich bringe dich um», wirft ihm einen Holzschuh an den Kopf und handgrosse Steine dem Flüchtenden nach.

Am Morgen fehlte der Senn. Sein Bett war leer. Er kam auch nicht zum Melken zurück. Das Hirtli ging weg und suchte ihn um und um. Zuoberst im Girakrachen fand es seine Haut an einer Legföhre hangen.

Wie das Hirtli zum Staffel zurückkam, war der Alpvogt schon da mit ein paar Mannen, um die Zäune zu flicken und das giftige Wasser einzuzäunen. Stumm haben sie das Hirtli angeschaut und gestaunt über seinen Bericht. Was machen? Einander helfen, melken, käsen und dann die Zäune richten.

Anderntags meldete sich ein neuer zum Sennen, ein grader, wackerer Mann. Der fand noch allerhand, das der vorige für sich selber auf die Seite geschafft hatte als Zustupf zu seinem Lohn: vier Ballen Butter und zwei Käse waren unter einem alten Trog im Holzschopf gut versteckt. -  Jetzt aber redete das Hirtli nicht nur mit dem Vieh, man hörte es pfeifen und gar jauchzen.

Im Handkehrum war es Herbst. Die Älpler waren stolz, als sie am Abend der Abfahrt im Wirtshaus zu Schaan zusammensassen: nicht ein einziges Häuptli war abgestürzt, weder Krankheit noch Gebresten hatte es gegeben und keine Kuh hatte verworfen. Ein jeder kam zu seinem Anteil, wie's Brauch ist, und war zufrieden. Das Hirtli bekam ein Mänteli, nicht nur aus Drilch, aus gutem Wollstoff war es. Das Mannli freute sich und strahlte wie ein Graf. Doch dem Vogt war dieses Löhnli nicht recht. «So geschafft und gesorgt und nur dieses Mänteli zum Entgelt - man müsste sich schämen.» Er schenkte dem Hirtli vom besten Wein ein und tat ihm Bescheid. Aber das Hirtli wehrte ab: «Nenei, den kann ich nicht trinken, der stiege mir in den Kopf und lähmte die Beine.» «Ja, was möchtest du denn trinken?» «Wenn ich bitten darf, so gebt mir ein halbes Mass Schottenmilch.» Die Tochter vom Alpvogt holte sie, lachte das Mannli an, als sie einschenkte und dankte ihm wie einem hohen Herrn. Im Lauf des Abends fragte ihn der Vogt: «Und nun, was hast du im Sinn? Wo gehst du jetzt hin?» «Halt heim», antwortete das Hirtli. «Ja, wo bist du zuhause und wie heissest du?» «Das darf ich nicht sagen. Hier bin ich Alphirt und damit fertig.» «Jä — und das nächste Jahr — möchtest du wieder dingen?» Das Mannli besann sich und sagte dann: «Wenn ich lebe und gesund bin, komme ich im Frühjahr wieder.» «Und als Lohn?» «Jo, das nächste Jahr habe ich es nicht halb so streng wie heuer. Ein neues Wetterhütchen hätte ich gern, dies da hält nicht mehr lang.» Der Alpvogt versprach: «Das sollst du haben und ein schönes Trinkgeld dazu, wenn alles so gut geht.» «Ich will kein Trinkgeld, ein solches Wetterhütchen möchte ich und damit hat's es: ich markte nicht.» «Aber heute Abend bleibst du hier über Nacht», antwortete der Alpvogt besänftigend. «Ja, das geht nicht gut; alle Guttaten in Ehren. Aber wenn ich genug gesehen habe und mich gefreut am Tanz der Jungen, dann packe ich zusammen und gehe. Vielen Dank für euer Gutmeinen.»

Im Frühjahr drauf kam das Hirtli ungerufen am Abend vor der Auffahrt. Der Sommer ging vorbei wie im Flug. Und als man reich beladen zu Tal kam und abends zusammensass, setzte der Alpvogt dem Hirtli das neue Wetterhütchen auf. Sein Meitli brachte ein gesticktes Sennengewändli, denn es hatte wohl bemerkt, wie des Mannlis Hemd und Höschen fadenscheinig waren, legte es vor ihn auf den Tisch und ein Paar Schuhe daneben. «So recht, ganz recht», ruft's durcheinander und alles klatscht und jauchzt. Darob erschrak das Hirtli, fuhr auf und in jähem Zorn wirft es Gwändli und Schuhe auf den Boden und stampft blindwütig drauf herum. Dann springt's in einem Satz auf's offene Fenster, kehrt sich halbwegs und ruft mit erhobener Faust in den Saal: «Oh, ihr elände Tröpf. Jetz isch's us!», springt hinaus und auf und davon. Alles verstummt. Nach einer Weile meint der Alpvogt: «Der ist auf Cresta oben zuhause, man konnte es schon lange merken.»

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984.          H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch