Der Schneider von Isenfluh
Bei Zweilütschinen teilen sich die Täler von Grindelwald und Lauterbrunnen. Hinter dem Dörflein, linker Hand von der weissen Lütschine, sieht man eine hohe Fluh aus den Tannenspitzen herausragen, Oben drauf liegt eine grosse Matte. Da drauf haben sie vor Jahr und Tag das Dörfchen Isenfluh gebaut. Es ist nicht gross, aber heimelig. Schaut man von Wengen hinunter, liegt's da, grad wie auf einer Erdscholle.
Es wird erzählt, dass früher in diesem Dörfchen Zwerge gehaust haben, wie es der Schneider von Isenfluh erlebte. Der hatte eine grosse Schar hungriger Buben und Mädchen und ein Mätteli, das nur für zwei Geissen reichte. Vom Morgenstern bis zum Abendstern schnitt und stichelte er unentwegt. Zum Glück fehlte es ihm nie an Arbeit, denn die Vornehmen im Tal schätzten ihn und seine Zuverlässigkeit.
Einmal hatte er auf den folgenden Tag dringende Arbeit, aber wie er sich auch rührte und schickte bis tief in die Nacht hinein, sie wurde nicht fertig. Todmüde legte er sich schlafen.
Als er am Morgen in sein kleines Nähstübli kam, lag das Kleid genäht, gebügelt und gebürstet fixfertig auf dem Tisch. Er konnte nicht begreifen, wie das zu und hergegangen.
Das kam nun manchmal vor, wenn er abends trotz Eifer und Fleiss nicht fertig geworden war, dass die Arbeit am Morgen fein säuberlich ausgefertigt da lag. Er sann und sann, wie das wohl zugehen möge, und fing nun an aufzupassen, wer ihm die Arbeit mache.
Einst, als es schon dunkel geworden war, bemerkte er ungewollt, dass ein paar kleine Männchen ins Nebenstübchen kamen. Durch eine Ritze äugte er und sah, wie sie sich auf den Tisch setzten und sich an die Näharbeit machten. Stich für Stich nähten sie, einer wärmte das Glätteisen, dann bürsteten und bügelten sie den Anzug und legten ihn steif gefaltet auf den Tisch. Dann, hui, machten sie sich auf und davon. Der Schneider hatte seine helle Freude, wie er ihnen zuschaute. Nun sann er nach, womit er den Zwergen danken könne. Seinem Schneiderblick war es nicht entgangen, dass die Kleider der Wichte gar fadenscheinig und abgetragen waren. So schneiderte er, als er bei Zeit und Gelegenheit etwas Schnauf hatte, Höschen und Wämschen für sie und legte sie als Dank für ihre Mühe den Helfern auf den Nähtisch.
Am Abend kamen sie wieder, sahen die Bescherung und wurden inne, dass auf sie gemerkt worden war. Misstrauisch äugten sie herum und machten sich voll Zorn davon. Von da an halfen sie keinen Stupf noch Stich mehr und kehrten dem Schneiderhäuschen auf Isenfluh für immer den Buckel zu.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch