Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Vom goldenen Liirlüüserli *

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Haslital
Kategorie: Sage

In Wengen lag sonnenhalb ein grosses schönes Stück Land. Und allemal im Vorfrühling, wenn alle andern Hänge und Halden noch fahl dalagen, wenn der letzte Schnee gewichen war, so spross dort schon das erste frische Grün hervor. Mitten hindurch floss munter sprudelnd ein silberhelles Bächlein, der Riebibach geheissen. Das hatte das allerbeste Trinkwasser weit und breit, und selbst im strengsten Winter setzte sich kein Eisschorf an seinem Rande an und im heissesten Sommer, wenn alle andern Bäche vor Dürre versiegten, strömte das kühle Nassin vollem Fluss und Guss. Der Bach trieb eine Sägemühle und rieb den Bauern ausserdem Roggen und Gerste zu Mehl.

Die fetten Gründe zweier Bauerngüter stiessen an dies Bächlein an, und ihre Eigentümer lebten eben darum in Streit und Hader miteinander, denn jeder meinte, das Bächlein gehöre ihm allein. Und da sie beide arge Hebrechte waren, die an ihrem Vorteil hingen, wie Zwecken am Wollenpelz und beiderseits stets gähes Pulver auf der Pfanne lag, so zündete des Teufels böser Funke leicht, und sie werkten einander nach Kräften zuleide. Und so ging es denn mit ihnen, wie's eben geht, wenn sibe hebe und der acht nit wott la gah: bis sie merkten, dass, wer rechtet, meist mehr um Schalen, Hülsen und Kleien streitet als um Kern oder Frucht. Und so wurden sie zuletzt am End rätig, ein uraltes hageres Chudermänndi als Richter anzurufen, das von Zeit zu Zeit in Wengen sich einfand. Niemand wusste, woher es kam und wer es war, aber alle Leute sagten, es wisse und könne mehr als andere. Als dies Männdi nun das nächste Mal wieder erschien, brachten die beiden Setzköpfe ihm ihre Sache vor und baten es um des Herrgottswillen, es solle ihnen doch marchen. Das Männdi sprach: «Ja, schon recht, ihr Haderbälge, das ist jetzt noch keine Notsach, an jedem beliebigen Tag kann ich das nicht machen, ich komme aber in Ustagen wieder, wenn die rechte Zeit inne ist.»

Als der Föhn in gähen Stössen talaus fuhr und Eis und Schnee auf Fels und Fluh unter seinem heissen Atem vergingen, da warteten beide auf den Richter. Er kam aber erst mit Gugger und Schwalbe und hatte nichts bei sich als ein haselnes Zwieselstecklein. Mit dem fuhr er dreimal durch das Wasser des Riebibächleins und rief mit einer hohen Stimme, die tönte wie der Ruf des Herrenvogels: «Ich für mein Teil, ich behalt mir Leib und Seel vor, aber ihr, ihr Sackershagel, ihr Muderköpf und Surrumurri, euch will ich jetzt marchen, dass für alle Zeiten gemarchet ist. Morgen noch, ehe es tagt, soll die March gezogen sein!» Sprach's und machte sich auf und fort, ehe noch wer ja oder bah hat sagen können, und kein Mensch im Tal hat es seit diesem Tage je wieder gesehen.

Zur Stunde aber hub das Wetter an stössig zu werden: grosse, pechschwarze Wolken stauten sich an Gipfeln und Gräten, und um Mitternacht brach ein Unwetter los, wie es noch zu keines Menschen Lebtag in diesem Tal geschehen. Der Regen peitschte wie Geisselschnüre hernieder, es stürmte und chutete, und das ganze Tal fing an zu beben, zu brausen und zu rauschen von Windes und Wassers Gewalt. Ein Donnerklapf schlug in den andern, der Widerhall rollte in den Felsen, fahl zuckte Blitz auf Blitz, und es war ein Ruch von nasser aufgewühlter Erde, Holz und Schwefel. Die Menschen standen zitternd vor ihren Häusern und Hütten und glaubten, der jüngste Tag wäre angebrochen.

Als am andern Morgen Wind und Wasser ausgetobt hatten und die beiden Bauern wie gewohnt an dem Bächlein Wasser holen wollten, da - potz Strahlwetter und Donnerschiess! -da war auf alle Zeiten gemarchet: das lustige Bächlein schoss als ein mächtiges Wildwasser durch eine tiefe und breite Runse. Es heisst heute der Chnewgraben und trennt den Weiler Schiltwalt vom übrigen Wengen.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch