Der Jäger Ueli und der Rothäubler
Einmal ging der alte Ueli Haldi spät im Herbst oder eher früh im Winter auf die Jagd. Den ganzen Tag durchstöberte er Gräte und Gründe, aber kein Schwanz kam ihm in Schussweite; die Murmeli waren schon schlafen gegangen. die Hasen hatten sich in das Tal verzogen und die Gemsen, denen er eigentlich nachging, entwichen ihm den ganzen Tag.
Als der Abend dunkelte, kam der Ueli todmüd und in böser Laune ins Rottal. An einem wohlbekannten Plätzlein unter einem überhängenden Felsen machte er sich ein Feuerlein an aus seinen dürren Bengeln, die er den ganzen Tag auf dem Rücken nachgetragen hatte, er wellte seine Geissmilch, ass wacker dazu und rauchte dann noch ein Pfeiflein voll. Dann chrugelte er sich in einen Winkel hart an den Felsen an, empfahl sich in Gedanken der Obhut aller guten Geister im Rottal und schlief ein.
Am andern Morgen früh erwachte der Ueli frisch und munter, trotz des Frostes. Mit dem letzten Scheitlein und den Gluten vom Abend machte er wiederum ein Feuerlein an, laute das Restlein Milch, das ihm geblieben war und ass dazu den letzten Murgg Käs.
Als der Tag lauterte, kam der Ueli an den Katzengraben und klomm dadurch hinauf gegen den Wildgrat zu, und auf der anderen Seite hinab gegen das Seelein, und von da wieder hinauf zur Wasserscheide und dann wieder hinab dem Jffig-Känel zu. Endlich sah er am Litzen Niesenhorn einen Tschuppen Gemsen weiden. Müdigkeit, Hunger und Durst waren alsbald vergessen; in anderthalb Stunden hatte er sie angeschlichen und war auf Schussweite zu einer prächtigen Geiss gekommen. Zielen, Schiessen, Treffen war eins. Die Geiss fiel kopfüber über einen Felsen und bewegte kein Bein mehr. Beim Ausweiden lief dem Ueli das Wasser im Munde zusammen, als er das saftige Fleisch sah.
Als der Ueli durch die Stiglen hinaus war, um nach dem Hengstensprung und Stierendungel zu gelangen, da dämmerte es bereits und bald war's brandschwarze Nacht. Mit den Füssen spürte er, dass da hinab alles eine Eisfläche war, und er getraute sich nicht hinunter. Ein Stücklein weiter rechts wusste er, war ein Grachen, durch den man auch hinunterkommt, nur ist er stotzig wie eine Wand, dafür aber gefüttert von eingewehtem Schnee. Der Ueli liesss seine Gemse vor sich her da hinuntergleiten und rutschte selber Ruck für Ruck auf den Absätzen und auf dem Hosenboden sachte nach. Aufs Mal entgingen dem Ueli Stand und Griff und er schoss zuerst ein Stück auf dem Hosenboden und dann Totz über Totz durch den Grachen hinunter seiner Gemse nach. Wie er endlich wieder auf seinen Füssen stand musste er sich zuerst ein Weilchen besinnen, welchen Teil seines zerschlagenen Leibes er zum Sitzen, welchen zum Denken brauche. Auf den Knien tappte er nach seiner Gemse, er konnte sie aber nicht finden. Er setzte sich in eine Doole, massleidig und verdrossen, wie seit langem nicht mehr: Daheim, die Frau, eine Stube voll Kinder und wenig Brot in der Küche, und er hier in stockfinsterer Nacht, mit sturmem Kopf und bluttem Hintern, mit hungrigen Kutteln oben am Seebühl auf dem Stierendungel! Ja, wenn nur der Rothäubler für etwas Rechtes wäre, so käme der ihm zu Hilfe.
Kaum hatte der Ueli das gedacht, da kam ein blendend helles Licht vom Seebühl herauf auf ihn zu, und eins - zwei - drei, stand ein kleines bärtiges Männlein in einer zündfeuerroten Haube vor ihm, in der einen Hand das helle Licht, und in der andern einen groben Stecken. «Was ist jetzt mit dem Ueli Haldi?» fragte das Männlein. Der Ueli berichtete ihm, so gut er konnte, wie's ihm ergangen wäre, und sagte nebenbei, es solle ihm doch zünden, damit er seine Gemse suchen könnte. «Und», schloss er, «was bist dänn du für es Unghüürli?» «Sooo, ech es Unghüür! Sä, fer dys unverschant Gfrääs!» Und damit holte er mit seinem groben Stecken aus und versetzte dem Ueli einen solchen Streich auf den Kopf, dass er ohnmächtig hinstürzte. - Wie der Ueli wieder zu sich selber kam, war's heiter heller Tag, und er lag dicht neben seiner Gemse.
Kein Wunder dass der Ueli Haldi fortan auf den Rothäubler nicht eben gut zu sprechen war.
Als er den Morgen auf der «Fluh» vorbei gegangen kam, fragte ihn der Jaggi Giereth: «Umts Hierre Wille, was hät's met dier gä, Ueli? Dir greut eis Bluet, und hinderna glusset der Hömlischild dir under der Gämsche fürha?» - «Hm, d'Hose han i em Stigelchrache zerschrisse, u der Grind hät mer der Stieredungtüfel zerschlage!» schnarzte der Ueli bissig und ist eilig weiter heimzu gegangen.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch