Der Zwerg am Karren
In Täuffelen war der Sattler Franz daheim. Er fuhr oft in den Jura auf den Markt, denn er war Gemüsehändler. Wenn er über die Seekette ging, musste er auch an einer Stelle vorüber, wo links der Strasse eine gäbe Fluh senkrecht in ein tiefes Tobel abfällt. Auf der andern Seite ging es ebenen Weges in einen finsteren Wald. Darinnen hausten Zwerge. Dem Franz aber gramselte es allemal in der Herzgrube, und wenn er vorbeikam, klepfte er -klitsch klatsch - mit der Geissel und pfiff, so laut er konnte, um sich die Angst zu vertreiben.
Für den steilen Stutz hatte er immer drei Pferde vorgespannt. Als sie mit der schweren Fuhre wieder einmal bergauf keuchten, dass die Stränge schier rissen, hing sich beim letzten Schub ein Zwerglein am Karren hintenan. «Wart du Donnerschätzer, dir will ich!» murmelte der Franz ärgerlich zwischen den Zähnen, griff zur Geissel und zwickte dem Mannli eins. Er traf es aber so hart, dass es vom Wagen fiel und tot auf der Strasse liegen blieb. Da rief's aus dem Wald:
«Eber Beber lauf,
Der Muggistutz isch gstorbe!»
Der Sattler Franz aber hörte nicht weiter darauf, sondern zog erschrocken die Zügel an und fuhr so schnell wie möglich weiter, gottfroh, dass er bald heil aus dem Wald heraus war.
Aber als er nun das nächste Mal wieder an derselben Stelle vorbeikam - da schnaubte das Leitross, sträubte sich stampfend im Geschirr, bolzte steil auf und setzte mit einem gewaltigen Gump über die Fluh ab in das Tal hinunter, die beiden andern Rosse samt dem Wagen mit sich reissend.
Und noch heute, wenn einer dort vorbeigeht, hört er zuweilen den Sattler Franz pfeifen und mit der Geissel klepfen.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch