Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Vom Viertelseeli

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Frutigen
Kategorie: Sage

Auf dem Viertel in Krattigen, wo jetzt ein trüber Sumpf ist, da war vor Zeiten ein liebliches Seelein. Klarlauter bis auf den Grund war das Wasser, man konnte die Steinchen zählen, die am Boden lagen, der blaue Himmel und die bärtigen Tannen spiegelten sich auf seiner Fläche.

Warum ist das Wasser jetzt so trübe? In der Höhle über dem Seeli hausten vormals Zwerge, eine ganze Haushaltung mit einem Kind, einem lieblichen Mädchen. Das ging jeden Morgen zu den Kühern auf dem Viertel und holte Milch.

Einer von den Küherburschen hätte das anmutige Kind gar gerne zur Frau genommen. Aber da er grob und unflätig war, begehrte ihn das Zwergenkind nicht. In seinem Zorn ging er und entfachte vor der Zwergenhöhle ein mächtiges Feuer, damit die Zwerge drinnen erstickten.

Von dem Tag an kam das Mädchen nicht mehr in die Hütte Milch holen. Aber durch die Luft dem Berg entlang hörte man die Zwerge rufen: «Einmal und niemals mehr.»

Bald darauf rannte der Stier des ungattlichen Kühers in wildem Übermut ins Wasser, versank und ertrank.

Seither ist das Seeli auf dem Viertel eine trübe Pfütze voller Schlamm. Von den Zwergen aber sah niemand mehr auch nur ein Barthaar.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch