Wie' s einem erging, der's allen Leuten recht machen wollte
Eines Tages ging ein Landmann mit seinem Sohne nach der Stadt zu Markte. Der Vater sass auf dem Esel und ritt, der Knabe ging zu Fuss nebenher. Unterwegs begegneten ihnen Leute, die blieben stehen und sagten: «Ei, sehet doch den Alten, der reitet und lässt den armen Knaben gehen! Er täte auch besser, jenen reiten zu lassen, und ginge selber zu Fuss.»
Als der Vater das hörte, stieg er alsbald ab, und der Sohn sass auf, und freute sich sehr, dass er auch reiten dürfe. Und dem Alten behagte es, nebenherzugehen. Nach einer Weile kamen wieder Leute des Weges. Die sprachen zueinander: «Schaut nur an Freunde, der Alte muss wohl ein Tor sein, dass er den Knaben reiten lässt, und selber zu Fuss geht. Der hat junge Beine und sollte laufen und traben, indes der Alte ritte.»
Der hörte diese Worte, und alsbald sass er hinter dem Sohne ebenfalls auf, und so ritten sie beide fürbass. Unlang begegneten ihnen abermals Leute. «Gott sei's geklagt», sprachen die, «sehet nur, wie der alte Tor auf dem armen Esel reitet mitsamt dem Sohne! Sie wollen wohl das gute Tier tot haben. Der Alte sollte allein reiten und der Junge gehen.»
Als der Alte diese Rede hörte, sprach er zum Sohne: «Wohl, so lass uns absteigen und beide gehen. Der Esel soll auch ruhen und es gemächlich haben.» Also gingen sie beide hinter dem Esel her, der seiner Last entledigt munter die Strasse trabte. Da begegneten ihnen wieder eine Schar Männer und Weiber. Die riefen alle aus einem Munde: «Nein, sehet nur, die beiden müssen rechte Toren sein. der Alte und der Junge, dass sie nicht reiten, sondern ihren Esel leer laufen lassen.»
Da sagte der Alte: «O heie, Bub, wohlauf denn, so wollen wir beide den Esel tragen, und hören, was die Leute dann sagen werden.» Sie warfen das Tier zu Boden, banden ihm die Beine mit Stricken zusammen, hängten es an eine Stange und schleppten es dergestalt des Weges weiter. Das aber gefiel dem Esel gar nicht, und er schrie gar jämmerlich.
Die nächsten, die die Strasse gegangen kamen, riefen: «Wartet, wartet und schaut euch dies Schauspiel an! Einen Esel tragen zwei Männer, wo derselbe doch billig sie beide tragen sollte. Wer wollte auch solches glauben. Es müssen wahrlich rechte Narren sein.»
Da seufzte der Alte, sah seinen Sohn an und sprach: «Hör, Bub, was ich dir sage, und bewahr die Worte wohl: Es sei, dass mich der Esel trug oder dich, so sind wir in der Leute Augen Toren. Trägt er uns beide, ist's auch nicht recht. Gehet er leer, ist's wieder falsch; tragen wir ihn gar, dann sind wir vollends Narren. Davon nimm den Rat: Wer vor der Welt bestehen will, der darf in seinem Tun sich nicht beirren lassen von dem, was die Leute sagen, sondern er tue frei nach Fug und Recht, was allemal das Beste ist. Denn die gescheiten Schwätzer, die alle Dinge besser wissen, sind mit sehenden Augen blind sich selber zu Spott und Schaden.»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch