Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Von der Verkehrtheit der Welt

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Fabel/Tiermärchen

Ein Engel wies einst einem heiligen Manne drei Gestalten, die litten an dreifacher Torheit. Der erste Mann machte ein Bündel Holz zurecht, und da er es, weil es zu schwer war, nicht tragen konnte, band er immer mehr auf. Der zweite schöpfte mit vieler Mühe aus einem tiefen Brunnen mit einem Gefäss, das war löcherig, wie ein Sieb, und ruhte doch nicht, es vollzufüllen. Der dritte fuhr einen Balken auf einem Wagen und wollte in eine Hofstatt hinein, deren Tor so eng und niedrig war, dass er durchaus nicht durchkommen konnte, und doch hörte er nicht auf, das Pferd zu schlagen und stacheln, bis es scheute und mit der ganzen Fuhre in einen tiefen Graben stürzte. Da sprach der Engel zu dem heiligen Manne: In dem ersten, den du gesehen hast, schautest du das Bild der Menschen, welche Sünden begehen und von Tag zu Tag bis an ihr Ende meinen, dass sie dieselben noch ertragen können, und darum fügen sie täglich mehrere und immer mehrere hinzu, die sie durchaus nicht mehr fortbringen können, bis der Tod sie plötzlich überkommt und ihre Seele zur ewigen Pein entführt und in den Höllenpfuhl taucht. Bei dem zweiten, den du sahest Wasser aus einem tiefen Brunnen schöpfen mit einem Siebe, stelle die dir vor, die gute Werke tun, und dennoch kein Verdienst davon sich erwerben, weil sie voller Löcher, das heisst Sünden sind, und was sie Gutes getan haben, durch ihre Sündhaftigkeit wiederum zerstören. Durch den dritten. der den Balken fuhr, werden die Machthaber der Erde bezeichnet, welche glauben, sie können mit weltlicher Hoffart und Pracht in die Pforte des Himmelreichs kommen, aber sie werden behindert und verfallen der Hölle.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch