Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Wer Gott am nächsten ist

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Fabel/Tiermärchen

Einmal waren ihrer drei beisammen, ein Bauer, ein Priester und ein Bettler, die stritten miteinander, wer Gott am nächsten sei: «Ich muss Gott am liebsten sein, denn armselig wandere ich durch die Welt und lebe von anderer Leute Almosen!» sagte der Bettler. Der Priester sprach: «Ich bringe Tag für Tag das heilige Messopfer dar und bete täglich für euch alle. Drum muss ich Gott am liebsten sein!» «Und ich», sagte der Bauer, «werke und schaffe meiner Lebtage zur Ehre Gottes und opfere meiner Hände Arbeit dem Herrn; das ist so gut als beten.»

So stritten sie lange und konnten nicht einig werden, denn jeder beharrte auf seinen Worten. Zu guter Letzt gingen sie alle drei zu einem weisen Manne, der gab ihnen diesen Rat: «Wandert alle drei eine Tagereise weit, ein jeder für sich, und da wo ihr hinkommt, wenn die Sonne zu Gold geht, da bleibet und bringet die Nacht zu; dann kommt wieder zurück und erzählt mir, wie es euch ergangen ist!» Die drei befolgten den Rat des weisen Mannes und machten sich früh am Morgen auf den Weg. Als die Nacht einbrach, war der Bettler zu einem Graben gekommen. Dort legte er sich zum Schlafe nieder. Die ganze Nacht war es ihm, wie wenn Steine getrölt würden. Der Priester kam bis zu einem grossen Rosenbusch, der in vollem Blust stand. Am Morgen aber trug er nur noch eine Rose. Der Bauer kam zu einem schönen Hause. Er ging hinein, auf dem Tische stand ein köstliches Mahl bereit. Das mundete ihm herrlich. Dann ging er zu Bett und schlief so weich und gut, dass er erst aufwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand.

Des andern Tages kamen sie alle drei zu dem Ratgeber zurück und erzählten ihm, was sie erlebt hatten. Jener aber sprach zu dem Bettler: «So mancher Stein im Graben gerollt wurde, so manche Speise hast du erbettelt und nie verbetet!» Zum Priester: «So manche Messe hast du gelesen als Rosen am Strauch blühten, aber nur eine einzige war gut.» Und zum Bauer: «Du bist am nächsten bei Gott, denn dir ist es am besten ergangen.»

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch