Des Kaisers Stein
Ein Kaiser hatte einen edlen Stein, dem wohnte eine wunderbare Kraft inne, denn er war schwerer als Blei oder irgendein anderes Erz der Erde. Wenn man ihn auf die Waage legte, und es mochte gross und lang und breit sein, was gegen ihn gewogen wurde, das hob der Stein in einem Zuge gar behende auf ohne alles Schwanken und Schwingen. Da war keine Schwere, die ihm widerstanden hätte. Ward aber derselbe Stein mit Asche bedeckt, da verlor er auf der Stelle all seine eigene Kraft und Schwere.
Nun nahm es den Kaiser und alle anderen Leute, die von dem Steine wussten, gewaltig wunder, wie es mit diesem Steine bewandt wäre. Da sprach ein hochweiser Meister, der sich eben bei Hofe aufhielt, dass er dem Kaiser in den Sternen lese: «Dieser Stein, o Herr, ist in allen Stücken dir selber gleich. Denn über alle Königreiche der Welt gehet deine Macht und Gewalt. Gross und mannigfaltig ist deine Mündigkeit. Und solange du das Leben behalten magst, so kann dir niemand widerstehen. Da bist du schwer als wie der Stein und alle Welt ist klein und schwach vor dir. Wenn aber du darnieder fällst, dann kommt dir deine Kraft nicht mehr zurück. Sobald dein hohes Haupt mit Erde wird bedeckt, so zergehet deine Macht. Darum, o Herr, sollst du stets gedenken, dass du hinfällig und vergänglich bist, und allstund sollst du dich richten auf die Fahrt, die unwandelbar der letzte Gang des Menschen ist.
Wenn der Gewaltig niderfallt,
So ist erloschen syn Gewalt.
Alls, das vom Wybe je geboren wart,
Muos komen uf des Todes Fahrt.
Er sy jung, alt, arm oder rych,
Sie müesen sterben alle glych.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch