Der dankbare Löwe
Der Hunger trieb einst einen Löwen, dass er auf die Weide lief, um ein Rind zu rauben. Da trat er in einen Dorn und sein Bein schwoll an und der Fuss schwärte. Und grosse Schmerzen litt der Löwe, denn der Dorn stak tief in seinem Fusse und tat ihm weh. Er mochte nicht mehr laufen und bald konnte er kaum noch gehen; und sich selber helfen konnte er nicht. In seiner Not schleppte er sich zu einem Hirten hin. Der erschrak und glaubte nichts anderes, als dass der Löwe ihn zerreissen werde. Gerne hätte er dem Löwen all seine Schafe gelassen, wenn er nur seiner schonte. Der Löwe aber gebärdete sich gar sanft und tat so artig, dass es den Hirten ein Wunder deuchte: Er reichte ihm seine kranke Pranke dar, so dass er die Wunde gewahrte. Er sah den Dorn in dem Fuss, der dem Löwen solches Ungemach schuf. Und geschickt zog er ihn heraus mit seiner Hand. Da genas der Löwe alsbald von seinen Schmerzen, er schaute seinen Arzt an, streckte und reckte sich, schlug mit seinem Wedel und brummte sanft. Dann ging er fröhlich von dannen.
Nicht lange darnach fiel der Löwe in eine Fallgrube, welche die Jäger des Königs gegraben hatten. Da war er gefangen und wurde nach Rom gebracht in ein grosses Haus und allda zu anderen wilden Tieren gesperrt, die in einem Zwinger gefangen gehalten wurden. Denen warf man bei grossen Festen Menschen vor, die zum Tode verurteilt waren; denn die Römer kannten zu selben Zeiten kein schöner Schauspiel als wilde Tierhetzen und blutige Menschenkämpfe. In einem Kriege war nun auch jener Hirt, der einst dem Löwen den Dorn aus dem Fuss gezogen hatte, gefangen genommen und als Sklave nach Rom verkauft worden, dass er mit den wilden Tieren um sein Leben kämpfe. Als der Löwe den Mann gewahrte, da lief er sanft zu ihm hin, stellte sich schmeichelnd mit dem Schweife wedelnd vor ihn und trieb die anderen Tiere dräuend von ihm weg. Wie aber der Kaiser der Römer dies Schauspiel sah, da wunderte er sich sehr, was es sein möchte, dass solches sich begebe, und er liess den Hirten alsbald vor sich kommen und sprach: «Sage mir, wie geht das zu, dass dir der Löwe nichts getan hat?» Der Hirt antwortete: «Herr, einst zog ich fern in meiner Heimat auf der Weide diesem Löwen einen Dorn aus dem Fuss und heilte seine Wunde. Drum hat er jetzt meiner geschont.» Das deuchte den Kaiser ein seltener Lebenstreff zu sein, ein wahrer Fingerzeig des Himmels, und er sprach: «Dieweil der Löwe dir kein Leid getan, der Herr der Wälder und der Tiere König, so will auch ich, des Erdenrunds Gebieter, deiner schonen. Geh in Frieden und zieh in deine Heimat. und der Löwe folge dir.»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch