Das dankbare Mäuslein
Einmal erging ein Löwe sich in einem Walde und spähte nach Beute. Da fing er eine Maus, die wollte er fressen. Sie aber sprach: «Herr Löwe, lasst mich gehen, denn es geziemt sich nicht für eure Biederkeit und euren Edelmut, dass ihr mich tötet. Ihr hättet wahrlich wenig Lob und Ehre davon, und keinen Gewinn, denn von meiner Kleinheit würdet ihr schwerlich satt. Also lasset mich gehen. Wer weiss, ob ich euch nicht noch einmal von Nutzen sein kann, so klein und gering ich auch bin.» Der grossmächtige Löwe hörte die Rede des klugen Mäusleins, schüttelte seine Mähne und liess es frei. «Ich will's euch nicht vergessen», sagte das Mäuslein und fort war's.
Bald danach ward derselbe Löwe in einem starken Netz gefangen. Und je mehr er das Netz mit Gewalt zu zerreissen sich mühte, je enger zog es sich zu, und zuletzt konnte der Löwe kein Glied mehr rühren und lag hilflos gefesselt. Wie er also gefangen lag, siehe da kam unverhofft die Maus daher getrippelt, ehe der Tag aufging, und lief zu dem Löwen hin. «Gott grüss euch, Herr!», sprach sie, «was klaget ihr? Was ist euch not?» Der Löwe sprach: «Ich bin gefangen auf den Tod, und komme nimmermehr davon.» «Ei, nur getrost, Herr», sprach das Mäuslein, «ihr kommt wohl heraus. Ich werde euch helfen.» Und ungesäumt begann es mit seinen scharfen Zähnlein das Netz zu zernagen und zu zerreissen, bis es ein grosses Loch zuweg gebracht, so dass der Löwe herausschlüpfen konnte. Er dankte der Maus und entlief alsbald. Das Mäuslein aber rief ihm nach: «Ich hab's gern getan!»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch