Wer hängt der Katz die Schelle an?
In einem alten Hause waren viele Mäuse, ein ganzes grosses Volk. Die tanzten auf Tischen und Schäften und liessen sich's wohl sein in Kammer und Keller. Ihr Treiben aber ward den guten Leuten, die das Haus bewohnten, nachgerade lästig, und eines Tages taten sie einen grossen schwarzen Räuel zu. Und von Stund an war der Mäuse Herrlichkeit zu Ende, und sie kamen in gross und grössere Not, denn die Katze schonte weder Gross noch Klein. Da hielten die Mäuse Versammlung, um Rat zu schlagen, was gegen die Gefahr zu tun wäre. Und lange ward hin und her beraten. Zuletzt am End kam man einhellig überein, ihrer eine sollte dem Untier eine Schelle anhängen, dann wären sie alle künftig wohl bewahrt. Da aber nahm eine alte graue Maus das Wort und sprach: «Der Rat ist gut und wird, will Gott, uns allen auf ewige Zeiten zum Heile gereichen. Aber machet jetzt auch aus, wer von uns es unternehmen soll, der Katze die Schelle anzuhängen.» Darüber aber war zu keinem Schluss zu kommen, denn keiner wollte sich des Wagestückes unterstehen mit Gefahr von Leib und Leben. «Ich nicht, nicht ich», so miefte eine nach der anderen, und alle verschloffen sich schleunigst, und eine jede pfiff weiter aus ihrem sichern Loch. Der böse Räuel aber spielte den armen Mäusen weiter übel mit.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch