Der Fröschenkönig
Es war ein Weiher von Fröschen voll, und die liessen sich's gar wohl sein im Wasser und ausser dem Wasser, wie es der Frösche Art ist. Ein jeder war sein eigener Herr und tat den lieben langen Tag, was ihm behagte, plantschte mit gespreizten Schenkeln im Feuchten und quakte aus vollem Halse auf dem Trockenen. Sie hatten keinen Herrn über sich, der sie regiert und gezüchtigt hätte. Freiheit war ihr Los, aber ihr Sinn stand nicht danach. Denn auf die Dauer verleidete ihnen das schöne Leben, denn nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen, sagt man, und das ist wahr. Item, so huben die Frösche denn alsgemach zu grochzen und zu maulen an: sie möchten nun nicht länger ohne Herrschaft und Regiment leben, alle andern Tiere hätten auch einen Herrn, Gott möge ihnen gleichfalls einen König geben. Da lachte Gott und schwieg. Aber da fingen sie lauthals ihr Lied von vorne an und lagen ihm in den Ohren bei Tag und bei Nacht: «Gib uns Armen und Verlassenen einen König!» Da nahm Gott einen grossen Trämel und schoss ihn in den Weiher, der solle ihr König sein. Der Stock schlug klatschend ins Wasser, und alle Frösche flohen vor Furcht, so schnell ein jeder konnte, verschloffen sich im Schlamm und unter den Steinen, und lagen regungslos, und keiner gab mehr einen Laut. Der Baumstrunk aber schaukelte ein Weilchen auf den Wellenringen, dann lag er still und unbeweglich in der Mitte des Weihers. Da kamen die Frösche eilends wieder aus ihrem Verstecke hervor. schwammen herzu und sassen auf ihren hölzernen König und schrien wieder lauter als je zuvor: sie wollten einen König haben, der Recht und Gericht halte über sie, wie's Brauch in jedem edlen Volke sei. Als Gott ihr Geschrei vernahm, da zog er seine Stirn in Falten und schüttelte das Haupt, und schickte ihnen den Storch, der solle fortan ihr Herr und König sein. Aber oh weh! —Wie hub der das Volk der Quäker zu regieren an! — Auf hohen Beinen in dem Weiher watend, spiesste er die leibigsten ohne weiteres auf und verschlang sie ganz und gar. Der Schnabel stand ihm immer offen und immer war sein Magen leer, und wer ihm in den Weg kam, war verloren. Da waren Not und Jammer im Hopschelvolke gross. «Herr», schrieen sie zu Gott, «hilf uns aus dieser Not, sonst sind wir alle rettungslos verdorben und gestorben, ehe der Sommer um ist. Der König, den du uns gegeben, ist ein böser Wüterich. Ach, wir wollen lieber ohne König sein!» Gott aber antwortete und sprach: «Nein, ihr Torenvolk, das mag nicht sein. Ihr habt die Ohren mir mit euren Bitten dazumal erfüllt, so dass sie taub geworden sind. Einen König hab ich euch auf euren eigenen Wunsch gegeben, dass Gericht er halte über euch. Dem müsst ihr untertänig sein und bleiben für und für. Und wenn keiner von euch am Leben bliebe, so geschähe euch anders nicht als Recht. Wer Herr mag sein, der sei nicht Knecht.»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch