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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der schlaue Fuchs und der eitle Rabe

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Fabel/Tiermärchen

Ein hungriger Fuchs schlich mit hängendem Schwanz durch den Wald. Da kam er auf eine Lichtung unter einen hohen Baum. Auf den kam ein kohlschwarzer Rabe geflogen, der hielt einen feisten gelben Käse im Schnabel, den er aus einem Speicher gestohlen hatte. Der Fuchs ward über die Massen froh, wie er den Raben sah. Er tat gar schön, wischte mit seinem Schwanz das Gras und sprach mit freundlicher Stimme: «Gott grüss euch, mein edler Herr! Ich bin euer Gnaden ergebener Diener für und für, denn ihr seid so hochgeboren und reich, dass kein anderer Vogel euch gleichkommt in allen Königreichen der Erde. Sperber, Falk, Habicht, ja selbst der kaiserliche Pfau in all seinem Farbenglanze muss euch weichen. Aber wie süss ist erst eurer edlen Kehle Schall, allenthalben im Walde hört man eure herrliche Stimme erklingen, wenn ihr zu singen anhebt. Und oftmals hab ich euren unvergleichlichen Tönen gelauscht.» Der Rabe hörte diese Rede des Fuchses und reckte den Kopf hoch und sprach: «Wahr ist, guter Freund, was du sagst, und du bist der erste, der so zu mir spricht, und du sollst meiner Gnade jederzeit gewärtig sein.» «Nun, Herr», sprach der Fuchs, «wenn ihr mir eine Gnade gewähren wollt, so geruhet, ein Lied zu singen!» Da sprach der Rabe: «Die Bitte soll dir gewährt sein.» Und er tat seinen Schnabel weit auf, liess seine Stimme aus und sang, dass es durch den Wald scholl. Da aber entfiel ihm der Käse. Der Fuchs hat ihn gleitig weggeschnappt, und sich damit in die Büsche geschlagen, der dumme Rabe aber hat das Nachsehen gehabt.

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch