Der betrogene Doktor
Ein hungriger Wolf kam auf seinem Lauf nach Raub über eine magere Geiss und zerriss sie. Und so gefrässig biss er drein. Dass ihm ein Bein in der Kehle stecken blieb. Wie er sich auch anstellte, er brachte es weder hinunter noch heraus. Er kam in solche Not, dass er glaubte, es sei sein Tod, und er schleppte sich jappend und röchelnd fort, um einen Arzt aufzusuchen. Endlich kam er zu einem Storch und sprach: «Ach, Herr Doktor, ihr seid ein geschickter Mann, helft mir von dem Übel, und ich will euch zum Lohne geben, was immer ihr fordern wollt.» Der Storch sagte: «Herr Wolf, tut euren Mund auf, so weit ihr könnt und streckt die Zunge flach. Ich will euch alsbald kurieren.» Und er steckte Kopf und Schnabel tief in des Wolfes Rachen und zog das Bein mit einem Ruck heraus. Wer war da froher als der Wolf! Da sprach der Storch: «Nun, Herr Wolf, alldieweil ihr mir euer Leben zu danken habt, so sollt ihr mir zum Lohne geben, was ihr mir gelobt habt, als ihr krank herkamt.» Der Wolf antwortete darauf: «Ei, mein guter Freund, was soll ich dir noch Weiteres geben, hab ich dir doch soeben dein Leben geschenkt, denn das stand eine Weile ganz bei mir. Wie leicht hätte ich dir den Kopf abbeissen können. Aber des Dienstes wegen, den du mir leistetest, hab ich dir das Leben gelassen. Diese Gabe mag dir genug sein.» Sprachs und zottelte davon. Der Storch aber stand lange auf einem Beine stille mit offenem Schnabel da und schaute dem Wolfe nach.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch