Fuchs und Wolf
Einstmals kam ein Fuchs daher und fand einen Ziehbrunnen. Er lugte lange voll Gwunder hinab und dachte, was mag das sein? Zwei Eimer hingen in den Schacht hinab, die gingen auf und nieder. Da sprang der Fuchs in den einen, und der ging mit ihm nieder, der andere fuhr über ihn empor. Nun ward's dem Fuchs übel zumute; denn er dachte: wie will ich nur von hier wieder fortkommen? Da kam von ungefähr ein Wolf dazu gelaufen. Der schaute auch in den Brunnen und erblickte den Fuchs. «Wuff, wuff», sprach er, «es nimmt mich doch wunder, dass du in dem tiefen Loche liegst, und dir doch nichts gebricht.» Wie der Fuchs den Wolf erblickte, sprach er gar höflich: «Lieber Wolf, so wohl, wie hier unten, ist's mir all meiner Tage noch nie gewesen.» «Lieber Freund», sagte da der Wolf, «hilf mir, dass ich auch zu dir hinunterkommen kann.» «Beim Eid», sagte der Fuchs, «das soll geschehen, denn du bist mein bester Freund. Tritt nur in den Eimer, da kommst du gleich zu mir herab.» Das liess sich der Wolf nicht zweimal sagen: er sass in den andern Eimer und zog den Fuchs empor, indes er selber hinabfuhr. Also kam der Fuchs wieder heraus. «Gehab dich wohl, guter Freund, und lass es dir wohl sein da unten», rief er hinab, «ich komme nicht so bald wieder.» Und so musste der Wolf im Brunnen bleiben.
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch