Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das stumme Weiblein

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Sage

Ein Alpknecht ging am Berg und suchte eine Kuh, die sich verlaufen hatte. Da war's ihm, als bewege sich etwas unter einem Tschuppen. Er lief hin und sah nach - da war's ein kleines verhutzeltes Weiblein. «Das ist sicher ein Holzweiblein oder ein wildes Fräuli!» dachte er bei sich und ging eilends weiter. Doch bald ward er inne, dass ihm das kleine Geschöpf Schritt auf Tritt folgte. Da redete er es endlich an und sagte: «Nun, nun, Mutterli, wer bist und wohin willst?» Doch das Weiblein gab ihm keine Antwort, folgte aber dem Sennen unentwegt wie ein Hundli bis zum Staffel. Da deutete es mit dem Finger zum Munde und sah bittend zu ihm auf. Da verstand der Mann, dass es Hunger habe, und er reichte ihm einen Schnifel Brot und ein Kacheli mit Milch. Das Weiblein ass, ohne zu danken oder sonst einen Laut über die Lippen zu bringen. Dann deutete es rings im Gemache umher. Die Sennen verstanden jedoch diese Sprache nicht, gaben ihm aber ein Bündel Heu, damit es sich ein Lager zurecht mache. Dann legten auch sie sich zur Ruhe.

Am andern Morgen war das Fräuli noch in der Hütte, und so gut schien es ihm zu gefallen, dass es diesen und den Tag danach auch noch dablieb. Am dritten Tage aber begannen die Sennen zu murren, weil es nur ass und nicht arbeitete. «Die möchte wohl im Winter auch nur schlafen und im Sommer am Schatten liegen und am heiteren Tag in die Sterne gucken!» Und sie wurden rätig, den seltsamen Gast in der Gemeinde aufs Amt zu führen, um zu erfahren wohin er gehöre. Da aber war es mit eins verschwunden und ward nicht wieder gesehen.

 

Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984

H. R. Niederhäuser (Hrsg.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch