Lacrimae Christi
Amol, es mag scho lang här si, isch e Schwob ins Welschland cho, und um isch er gwanderet, so wyt me wandere cha, und chunnt zletzscht uf Neapel abe. Den het er e Landsma atroffe. Wo wär ächt uf der ganze Welt en Ort, wo nid au Schwabe wäre? Dä nimmt ne voller Freude mit sich hei, und wyl beidi Durscht gha händ - s'macht wacker heiss im Welsche -, so goht er in Keller und holt halt e paar Fläschli vo syner beschte Sorte-n-ufe-n-und schenkt dem Schwöbli e Gläsli y. Dä setzt a und trinkt, und wie Baumöl isch's em ygloffe. Und no-ne Glas, und no-ne Glas - bald ischs erste Fläschli leer. Der Schwob schleckt sich d'Lefzge-n-ab: «Landsma», seit er, «säg, wo hesch dä Tropfe här?» - «Dä Wy heisst Christi Tränewy und wachst in der wyte Welt nu hie: do uf dem Rebland sind üserem Heer die heisse Tränen-über d'Bagge-n-ab gloffe, und sythär wachst hie dä Wy.» Do hät der Schwab zum Himmel ufe gluegt und gsüfzget: «Herrje! O hättischt Du doch au e chlei am Bodesee briegget!»
Aus: C. Englert-Faye: Schweizer Märchen, Sagen und Fenggengeschichten, Basel 1984
H. R. Niederhäuser (Hrsg.)
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch