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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Vom Paradies der Tiere und vom Krämerlital

Land: Schweiz
Kanton:
Kategorie: Sage

Es ist eine uralte Sage, dass in den Bergen, wo sie am höchsten sind, ein einsamer wilder Wald steht. Niemand betritt ihn; denn der Wind hat vielhundertjährige Tannen umgestürzt. Die liegen in einem undurchdringlichen Gewirr durcheinander, von Moos und Flechten überwachsen, und vermodern langsam. Dorthin fliehen die wilden Tiere, die den nachstehenden Menschen entrinnen. Wenigen Jägern nur ist es gelungen, nach diesem Walde vorzudringen; denn die Zugänge sind verborgen. Hinein ist noch keiner gekommen; denn der Wald ist geschützt durch einen Bann, den niemand zu brechen vermag.

Hinter dem Walde aber tut sich ein weites grünes Tal auf, hell und lieblich zu schauen. Ewig scheint dort die Sonne, und an den Halden haftet kein Schnee und kein Eis. Auf den unersteigbar hohen Kulmen weiden ganze Herden von Gemsen und Steinböcken zwischen Felsen und Firnen. Es ist das Paradies der Tiere. Nur alle dreimal sieben Jahre darf ein Mensch diesen gefriedeten Ort schauen, und unter zwanzig kühnen Jägern ist es einem einzigen nur vergönnt. Aber keiner darf ein Tier erlegen. Einmal nur hat einer eine prächtige Steinbockshaut von dort mitgebracht. Ein jeder aber, der dahin kommt, schneidet seinen Namen in die mächtigen Stämme der Bäume. Arvennüsslein darf man essen, die schmecken so süss und lind wie Mandelkerne.

Einmal ging ein Mann auf die Jagd. Er sichtete ganze Rudel von Gemsen und schoss mehrmals, traf aber keine, und war doch sonst ein guter Schütze. Er verfolgte die Tiere über alle Gräte schattenhalb bis auf die Moränen des hintersten Gletschers. Auf der äussersten Spitze sass er ab und glaubte, er könne nicht mehr weiter gelangen. Die Gemsen sah er nicht mehr, aber ganz nahe vor seinen Augen tat sich ein Tal auf, von einem klaren Bach durchströmt, mit niedrigen braunen Alphütten, deren kleine runde Scheiben in der Sonne blinkten. Auf den frutigen Matten des Talbodens standen Apfelbäume mit ausgereiften roten Früchten. Auf dem Weglein zwischen den Häusern gingen steinalte Leute einher, und die Gemsen, die er verfolgt hatte, leckten einem wohl zweihundertjährigen Greise das Salz aus der Hand. Kein Mensch hätte lebend da hinab gelangen können, senkrecht gingen die glatten Felswände in die Tiefe.

Der Mann traute kaum seinen Augen, und wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte, und kehrte ins Dorf zurück. Dort war ein hochbetagter Pfarrer. Zu dem ging er und erzählte ihm, was ihm begegnet war. Der holte ein altes Buch, in verschrumpfeltes Schweinsleder gebunden, blätterte darin nach und las. Dann aber sprach er: «Jage solche Tiere nicht mehr, denn sie gehören ins Krämerlital. Das Krämerlital aber hat Gott der Allmächtige als Ort des Friedens erschaffen für alle Geschöpfe, jung und alt, Mann und Weib, die der Zuflucht bedürfen vor dem gewaltsamen Drang der Welt.»

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch