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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der schwarze Tod im Goms

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Im Goms wohnten die Leute nicht immer tief unten im Tale. Es gab Zeiten, da man die Täler mied und auf den Höhen und an den Hängen haushielt. In jenen alten goldenen Tagen wuchs noch auf den höchsten Bergen Korn und an tieferen Hügeln und Halden reifte ein feuriger Wein. Das Gelände um die hablichen Dörfer war bestanden mit mächtigen Fruchtbäumen, Äpfeln und Kirschen, und weit im Umkreis dehnten sich saftige Matten, umsäumt von gewaltigen Schirmtannen.

Einmal aber kam ein böses Missjahr über das Land, und die Weinernte fiel gar mager aus. Das war einem reichen Bauer zu besonderem Ungefäll. Die früheren Jahre hatte er kaum Fass und Lägel genug, die Fülle des neugekelterten Weines zu bergen. Dieses Jahr aber füllte ihm der Unsegen kaum das kleinste Lägel. «Wahrlich», sprach er missmutig, «es ist nicht der Mühe wert, die paar sauren Tropfen einzukellern. Der erste beste Gast soll mir den Neuen

auftrinken!» Lange harrte er also eines Besuches, aber lange wollte niemand auf seinem Gehöft einkehren. Des Wartens müde, sprach er eines Tages bei sich: «Nein, nimmer hab' ich Lust, mir die Augen blind zu sehen nach einem Gaste. Ich will selber gehn und sehn, ob ich eine durstige Kehle finde, die mir hilft, den Heurigen auf den Zahn zu nehmen!»

Also nahm er gleitig das Lägel auf die Achsel und den Weg unter die Füsse. Wie er sinnend eine Strecke gegangen war, sah er in der Ferne einen Pilgersmann herankommen, mit Schlapphut und Krummstab. «Dem ist heute auch sein Glück ein guter Wirt», dachte er und sass ab in den Schatten einer knorrigen Eiche. Und sobald der Wanderer auf Rufweite sich genähert hatte, hielt der Bauer die Hände vor den Mund nach Art einer Volle und rief, so laut er konnte: «He da, guter Freund, wenn du Durst hast, so zeig, dass du laufen kannst! Hier entspringt frisch vom Quell ein besserer Labetrunk als Bachwasser. Und köstlich soll er dir munden!» Als der Fremde, der brav und bieder dreinsah, vor ihm stund, schlug unser Bauer den Stöpsel vom Spundloch und hielt ihm das Lägel zum Trinken hin. Doch, wie dieser die Hände danach ausstreckte, zog er's mit eins zurück und fragte: «Halt, wart' ein wenig, mit Verlaub, wer bist du denn eigentlich?» - «Ich bin Gottvater», erwiderte der Pilger. «So, du bist also unser Herrgott?» knurrte der Bauer und würgte an jedem Wort vor Unmut, «dann mach nur, dass du fortkommst, so schnell und so weit dich deine Beine tragen!» Und er fuchtelte dem lieben Gott mit der geballten Faust vor dem Gesicht herum. «Der ist auch gröber als Saubohnenstroh!» dachte der Herrgott; aber an den wilden Gebärden und den sprützigen Blicken des Mannes merkte er gleich, dass bei ihm für heute kein gut Wetter mehr für sich zu machen sei, und eilends schritt er weiter. Der Bauer aber faustete und fuchtete noch eine Weile hinter ihm drein, und es war gut, dass unser Herrgott nicht alles gehört hat, was er sprach.

Nach einer Weile kam ein mageres, hageres, eisgraues Männlein dahergepütscht. Es sah aus wie ein Henneplüggi, aus lauter Haut und Knochen zusammengeküfert. Ein Gesicht hatte es, so schmal, es hätte einen Geissbock zwischen den Hörnern küssen können. Sein Haar war schütter wie welkes Gras weiss wie Birkenrinde, und seine Wangen verschrumpfelt wie ein leerer Tabaksbeutel. «Der lugt auch aus wie die dürre Zeit, und wird nicht feist, und wenn man ihn in einen Ankenhafen stellte!» dachte der Bauer bei sich, und laut rief er ihm entgegen: «Du siehst auch drein wie einer, dem die Kehle trocken geworden ist vom weiten Weg. Willst du dir die Gurgel schwenken, so komm nur her und trink nach Herzenslust!» Und er bot ihm das Lägel, und der Magere tat einen guten Zug und schleckte sich mit spitziger Zunge die vertrockneten Lippen ab. Der Bauer tat ihm Bescheid zum Willkomm. Nachdem also das Lägel einige Mal von Mund zu Mund gegangen, fragte der Bauer: «Nun sag' mir, wo kommst du her, und welches Geschäft hast du hierzulande zu bestellen? Du bist gewiss ein Unterländer oder sonst von draussen her!» - «Ich bin der Tod!» erwiderte der Alte mit brüchigem Rust, dumpf wie aus einem Kellerloch herauf, «und gekommen, um deinen kranken Nachbar zu holen.» - «Hm, so, Ihr seid also der Tod. Ja, mir kann's nur recht sein, wenn Ihr den schäbigen Racker holen kommt. Je eher desto besser! Ein böser Nachbar traun war er mir sein Lebtag. Aber heut, heut kommt Ihr grad zur letzen Stunde; Ihr könnt nicht in sein Haus hineinkommen, denn sein Gesinde ist alles auf dem Feld, und er ist ganz allein in der Stube eingeschlossen. - Zum Wohl! Noch einen Schluck, Meister Tod!» Da lachte der Tod, dass ihm alle Knochen klapperten und rief: «Ei, da bist du aber letz dran! Glaubst du, ich kehr' mich an verschlossene Türen?! Wo ein Sonnenstäublein eindringt, da komm auch ich noch durch!» Der Bauer machte ein Maul wie eine Kuh, wenn sie auf den Schleifstein speit, und einige Vaterunser lang verschlug's ihm die Rede. Doch reichte er dann und wann dem Mageren das Lägel, und der schüttete den Wein nicht in die Schuhe, sondern tat jedes Mal mit langem Schluck einen guten Trunk wohl über seinen Durst, denn die erloschenen Augen in den tiefen Höhlen huben aufs mal wieder an gar seltsam zu glimmen und zu glühen. «Aha, man muss heuen, wenn die Sonne scheint», dachte der Bauer bei sich, als er sah, wie der Magere wacker Öl an der Kappe hatte. Und laut sprach er: «Noch einen Schluck Gevatter! Zum Wohl! Aber wisset, das macht Ihr mir denn doch nicht weis, dass Ihr durch jede Ritze schlüpfen könnt wie ein Sonnenstrahl, so hell bin ich auch noch. Wäre das wahr, dann müsstet Ihr, mein Gott Seel, ein Donnerskätzer sein. Freilich, man sieht's Euch an den Augen an, dass Ihr mehr könnt als Brot essen und Milch trinken. Aber wie ein Sonnenstäublein durch die Klunsen in der Wand! - das gebt nur einem andern an! Damit lasst Euch heimgeigen! Doch nichts für ungut. Noch einen Schluck!» Aber wem der Wein eingehet, dem gehet der Witz aus. - Der Tod wackelte mit dem Kopf, kniff die dürren Lippen ein und blinzte aus den Augenhöhlen und meinte damit, dass ihm freilich jedes Vaterunserweiblein dieses Kunststück nicht nachmache, und wieder lachte er, dass es ihm im Gebeine tschätterte. «Unsereins», kicherte er und wippte von einem Fussspitz auf den andern, «kann mehr als Euch Erdenlölen im Traum einfällt! Hi hi hi!» - «Ich glaub' halt eben nur», versetzte der Bauer, «was ich mit Augen sehen und mit Händen greifen kann. Alles andere ist so gut wie Lug und Trug!» - «Du schwatzest auch zuhinterfür, wie ein Mann ohne Kopf! - Wenn's weiter nichts braucht», rief Meister Dürr, «um dich im Glauben zu stärken, das ist leicht getan! Was gilt's, ich schlupf vor deinen Augen da durch das Spundloch in dein Lägel!» - «Hei, um mein Leben gern säh' ich ein solches Teufelsstücklein von Euch!» - «Also schau her!» und schon war der Tod mit seinem Kopf in das Lägel geschloffen, und im Handkehrum war auch sein dürrer Leib drin verschwunden. Der Bauer aber war nicht linkhändig: Päng - hat er den Zapfen mit fester Faust ins Spundloch geschlagen, und Meister Klapperbein sass gefangen im nassen Fass wie der Fisch in der Reuse.

Jetzt lachte der Bauer, dass es schallte, und rieb sich die Hände vor Freude; dann nahm er geschwind das Lägel auf die Schulter und kehrte vergnügten Sinnes heim auf seinen Hof. Dort stieg er stracks in den Keller und versorgte das Lägel in den dunkelsten Winkel des Gewölbes, und ehe er hinaufging, rief er dem gefoppten Tode noch zu: «So jetzt, da bist, da bleibst! Wer dich verlocht hat, das weisst! Wer dich wieder an die Luft lässt, kannst erraten, wenn du willst; Zeit dazu hast jetzt, will ich meinen!» Dann warf er die schwere Bohlentür ins Schloss, dass es nur so dröhnte, und fürder kümmerte er sich nicht sonderlich um den seltenen Gast im Keller drunten. Aber er hat niemand von seinen Hausleuten ein Sterbenswörtlein davon gesagt, was für ein Fang im Fasse war, und wo es stand.

Aber was geschah? Jahr um Jahr ging ins Land. In ganz Goms nahm kein Mensch mehr Abschied von dieser Welt, um die Erde mit dem Himmel zu vertauschen. Immer neue

Geschlechter kamen auf die Welt, aber die alten blieben und wollten nimmer ab der Welt. Wie hoch auch die Berge zum Himmel ragten, alle die zahllosen hungrigen Mäuler vermochten sie nicht satt zu machen, und wenn sie noch viel höher gewesen wären. So kam es, dass auf den Gomserbergen bald Mangel war an Boden und an Brot. In dieser Not stieg ein Teil des Volkes hinab ins Tal und baute sich drunten an. Und wieder kamen und gingen die Jahre.

Auch unser Bauer war alt und älter geworden, und jetzt war er steinalt. Seine gebrechlichen Knie trugen ihn kaum noch, und er schleppte sich an Krücken; alles an ihm bambelte und lampte wie ein Kuhschwanz. Seine Hände waren zittrig und taugten nicht mehr zur Arbeit. Am liebsten sass er die sommerlangen Tage auf dem Bänklein vor seinem Hause im Sonnenschein; des Winters aber lag er die meiste Zeit auf der Kunst am warmen Ofen. Schon längst waren seine Urenkel Herr und Meister in Hof und Hurst, und der Urähni war den Jungen nur zur Last, und die Jüngsten trieben gar ihr Gespött mit ihm. Dann geschah es wohl, dass er sich vor lauter Gram und Bitternis den Tod herbeiwünschte, aber vergebens. Der Tod kam nicht, wie sehnlich er nach ihm rief, zu ihm so wenig wie zu den andern. Auch sein Gedächtnis war ihm längst entschwunden und sein Sinn blöde geworden; vieler Dinge erinnerte er sich nicht mehr, nur daran entsann er sich noch, dass die Menschen vordem gestorben waren, wie einst sein Vater und seine Mutter vor undenklichen Zeiten gestorben. Dann seufzte er aus tiefstem Herzen nach der alten guten Zeit, da man noch hatte sterben können. Er aber konnte nicht sterben.

Eines Tages, als ihm wieder einmal von seinen unbotmässigen Nachfahren Schimpf und Schmach war angetan worden, da hob sich der Uralte auf, kaum waren alle Bewohner des Hauses fort aufs Feld, und humpelte auf seinen Krücken in den Keller hinunter, um Grimm und Groll wie vor alters im Weine zu ertränken; heute wollte er vom besten Weine trinken, damit er für ein Stündlein seines Kummers vergesse und seinen Sinn von all dem Elend erlabe. Er tastete sich von Fass zu Fass und spähte mit seinen trüben Augen nach dem ältesten Jahrgang; da fiel aufs mal sein Blick in eine finstere Ecke, und er sah im hintersten Winkel hinten ein altes Lägel liegen, über und über von Staub bedeckt und von Spinngeweben eingesponnen. «Das wird der rechte Tropfen sein!» dachte er. «In dieses Lägel hab' ich vordem immer einen Probetropfen vom feurigsten Jahrgang verzapft. Ja, arg lang ist's her, seit ich es zuletzt sah, das Lägel, lang, lang!» Keuchend rollte er es hervor und stiess mit seinen schwachen Fingern den Zapfen aus und hub es auf zum Munde. -  Da sprang auch schon der Tod ihm an die Kehle und würgte ihn auf der Stelle.

Vom Tage hub ein grosses Sterben an auf den Bergen und in den Tälern von Goms; und an keinem Hause schritt der Tod vorüber. Den Knaben trat er an, die Jungfrau, den Säugling samt der Mutter, den Mann, den Greis. Reihenweis riss die böse Pest sie alle ins kalte Grab. Höfe starben aus, ganze Dörfer und Weiler wurden leer und standen öde, und wie der schwarze Tod vorübergegangen, waren der Überlebenden so wenige, dass weder die Bergler noch die Talleute für sich allein bestehen konnten. Da beschlossen sie, sich zu einer Gemeinde zu vereinen, aber die Talleute wollten nicht mehr auf die Berge hinaufsteigen, und so mussten die Bergleute die Höhen verlassen und in den Tälern wohnen.

Wie aber die Berge nicht mehr von schaffigen Händen bebaut wurden, da lag bald alles wild und öde, und wo vordem blühende Höfe gestanden, umkränzt von Obstgärten und Rebland, dehnen sich heute nur mehr magere Weiden und wüste Geröllhalden.

Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch