Der Kornfluch
In jener goldenen Zeit, als Gott und seine Boten noch auf Erden wandelten, da reifte in den Gomsertälern das Korn in Überfülle auf den Äckern, denn an jedem Halme sprossten zwölf volle Ähren, so schwer, dass sie den Stengel zur Erde bogen. Und so reichlich hatten die Menschen des Brotes, dass nicht einer im Lande wusste, was Hunger war.
Aber wie die Menschen sind, Überfluss macht Überdruss, und die Herzen verhärteten sich in Undank und Hoffart. Und übel haben die Leute gar bald an der schönen Gottesgabe getan: Da ging ein Knecht hin und streute dem Vieh ganze Haufen Ährenbüschel zur Schütte, und eine Magd feuerte gar mit vollen, zeitigen Ähren den Herd an, und die Drescher und Müller verschütteten und verzetterten das Korn viertelweise.
Eines Tages, als eben die Saat des Jahres reifte, ging eine reiche Frau mit ihrem jüngsten Kinde übers Feld, um den Segen auf Matten und Äckern zu beschauen. Stolz, als wär' es ihr eigen Werk, blieb sie an einem der prächtigen Felder stehen, wo die fingerdicken Halme unter der Last der vielhundertfältigen Frucht schier die Scholle berührten. Voller Gier dachte sie der gleissenden Goldstücke und der klingenden Silbertaler, die ihr als Erlös aus der heurigen Ernte in den Geldschrein rollen würden; denn das Weib war nicht minder habsüchtig und karg als selbstgut. Wie sie so stand und sann und rechnete, trat aufs Mal ein alter, zerlumpter Bettler an sie heran, dem der Hunger zu den Augen auslugte. Der grüsste gar demutvoll, lobte den schönen Acker und die prächtige Frucht und bat um eine kleine Gabe auf den Weg. Unwirsch aber fuhr das böse Weib ihn an mit harten Worten und schrie: «Lieber will mein Brot ich vor die Hunde werfen, als an euch Bettelpack verschwenden. Gleich pack dich fort, du garstiger Unflat, und komm mir nicht mehr unter die Augen! Sonst hetz ich dir die Hunde an dein Klappergebein!» Rief's, wandte sich ab und raufte eine Handvoll Ähren und wischte damit ihr Kind rein. Aber als sie wieder aufblickte - siehe, da stand vor ihr nicht mehr der alte, elende Bettler, sondern in leuchtendem Gewande ein Engel des Herrn mit strahlendem Angesicht. Der kehrte dem erschrockenen Weibe seine flammenden Augen zu und rief mit einem Rust wie Donnerklang: «Wohlan! Von Gott war ich gesandt, dass ich dich prüfte zum letzten Mal. Du aber hast die Probe nicht erwahrt! Des Herrn Brot gabst lieber du den Hunden, als denen, die da hungern. Und ärger als ein Hund hast Gottes heilige Gabe du entweiht, verworfen Weib! Weh über deinen undankbaren Sinn! Weh über dein hartes Herz! Weh über deinen Frevelmut! Fortan trägt jeder Halm nur eine Ähre noch! Die aber wächst durch Gottes Gnade nicht den Menschen mehr; des Herrn Liebe zu den Hunden macht sie noch sprossen, die Gottes Gabe besser ehren als die gottvergessenen Menschen!»
Also hat der Engel gerufen und ist entschwunden. Im selben Augenblick aber ballten sich am heitern Sommerhimmel schwarze Wetterwolken zuhauf, und ein tobender Sturm brach los, desgleichen seit Menschengedenken nicht über das Land gefahren: Hagelschlossen, gross und scharf wie spitze Kieselsteine, prasselten herab. Und nach dem Schauer war zuoberst an jedem Halm nur eine Ähre noch. Die andern elfe zerspellt im Boden.
Seit jenem Tage wächst auf jedem Halme nur noch eine Ähre. Und seither ist Not und Teuerung ins Land gekommen.
Aus: C. Englert- Faye, Alpensagen und Sennengeschichten aus der Schweiz, Zürich 1941. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch